Drei Perspektiven zum Elend der akademischen Personalstruktur

Im Mai begann auf der Forschung und Lehre Seite der FAZ eine Artikelserie/Debatte zum Elend des akademischen Befristungswesens. Den Auftakt machte Abrecht Koschorke (ein Literauturwissenschaftler aus Konstanz) es folgten Repliken von Claudia Gatzka von der Humboldt-Universität und Heike Mauer (Wissenschaftliche Mitarbeiterin der Koordinations- und Forschungsstelle des Netzwerks Frauen und Geschlechterforschung Nordrhein Westfalen). Die Debatte gibt schönen Anlass, die Problematik (die hier ja auch schon einmal behandelt worden ist) auszuleuchten und aufzuzeigen, was hilft und was weniger hilft.

Albrecht Koschorke fühlt sich – wie er schreibt – von der in jüngster Zeit wieder aufgeflackerten Debatte über wissenschaftliches Arbeitsrecht in eine Zeit vor drei Jahrzehnten zurückversetzt, die Zeit in der das Mindset heutiger Hochschulverwaltungsspitzen in der Auseinandersetzung mit ergrauten Akademischen Räten geschmiedet worden ist. Seine Anteilnahme gilt der Unsicherheit, mit der Hochschuladministrierende konfrontiert sind, wenn sie zu befristen beabsichtigen. Gedanklich begibt er sich damit schnurstracks in den typisch deutschen Login, der zwischen wellenhaftem Einstellen auf Dauer, das dann Chancenwegfall der nachfolgenen WissenschaftlerInnengenerationen zur Folge hat, oder flächendeckendem Befristen keine Alternativen sieht.

Semantisch hilft da ein Diskurs, der es erlaubt, fast 90 % aller WissenschaftlerInnen als Nachwuchs zu bezeichnen und dann, meint Koschorke, sei da noch die Exzellenzförderung dafür verantwortlich, dass man als Hochschullehrer keine andere Wahl habe, als Originalität und Unkonventionalität der Forschung, die ja gefragt sei, durch das Akquirieren stets neuen forschungsinnovationskompetenten Personals zu gewährleisten. Und diese Leute seien ja ganz andere, als die, denen man Dauerstellen als Räte oder Lehrkräfte im Hochschuldienst gebe. Er meint genau hier träfe diese Logik der Exzellenz auf die Logik der Verbeamtung und beide dieser miteinander inkommensurablen Logiken würden vorangetrieben. Das Vorhaben der BefördererInnen des derzeiten Wissenschaftszeitvertragsrechtes sei es gewesen der Prekarisierung entgegenzuwirken und damit sei man gescheitert (was stimmt), ob es eine Lösung ist, wie Koschorke vorschlägt, dieses Scheitern anzuerkennen und Projektkarrieren zu stabilisieren, möge mal dahingestellt bleiben.

Darauf instruktiv zu reagieren fiel Claudia Gatzka vermutlich nicht schwer. Sie setzt bei dem Argument an, dass die Situation der deutschen Universitäten heute mit der der 1990er Jahre nicht mehr viel zu tun hat. Statt von behäbigen Dickschiffen wie Anfang der 1990er dominiert zu sein, ist Deutschland heute zu einem kompetitiven Hochschulstandort geworden, schreibt sie. Forschung werde durch den exzellenstrategischen Mittelzustrom in noch größerem Umfang von befristet Angestellten in volatilen Positionen erledigt. ProfessorInnen forschten heute noch weniger als früher, stattdessen managten, begutachteten und projektierten sie. Wenn nun die, die die Wissenschaft heute machten, vernünftige Perspektiven einforderten, dann sei das also weniger Verbeamtungslogik als vielmehr eine von Angebot und Nachfrage. Gute Forschung, so die Logik, solle sich auch für diejenigen auszahlen, die sie machten nicht nur für die, die sie repräsentierten. Das vage Versprechen einige der Forschenden könnten dereinst selbst in die Reihen der Repräsentierenden aufrücken, komme zu spät und sei, angesichts dessen wie in Deutschland Professuren vergeben werden, zu vage und für zu Wenige eine handfeste Option, um den Forschungsbetrieb auf Exzelenzenzymen am laufen zu halten. Im Grunde sagt Gatzka agierten deutsche Universitäten wie Unternehmen, die ihre Forschungsabteilung nach 12 Jahren abwickeln, weil nicht alle der dort Arbeitenden Vorstände geworden sind.

Worum es geht, das läge eigentlich auf dem Tisch meint Gatzka, Forschenden gälte es früh ein Feedback zu geben, ob es eine Dauerperspektive in der Akademie gibt, und diese Dauerperspektive sollte anders als das in Deutschland derzeit der Fall ist, andere Optionen als die Professur kennen. Die Idee; nur Befristungsdruck generiere Innovativität, hält sie jedenfalls für nicht tragfähig und hält dagegen, dass das Wissenschaftssystem sich längst den ForscherInnentyp geschaffen habe, den es brauche und, dass dieser Typus durch Befristungsdruck in Hinblick auf seine Horizont vermutlich eher limitiert denn angespornt würde. Sie bringt damit ein kluges am Epistemischen ansetzendes Argument gegen betriebswirtschaftliches Kurzschlussdenken vor. Mehr Geld müsse man dazu gar nicht unbedingt in das System pumpen, vielmehr gebe es kluge Vorschläge, wie der Flaschenhals des Professorates aufgeweitet werden könnte, der Vorschlag von Departmentstrukturen, wie ihn die Junge Akademie vertritt, sei vielleicht ein Weg dahin, meint sie.

Und dann war da der Text von Heike Mauer in der letzten Woche. Ein Frauen-Männer-Problem sei das alles, meint Maurer. Koschorke habe so argumentiert, weil er Professor sei, deshalb habe er mit Hierarchien kein Problem und glaube wohl auch, die Unsicherheit der anderen sei ein Garant für innovative Forschung. Die Normalität der Prekarität werde nun aber bemerkenswerterweise als ein Neutrum behandelt, die Frage nach Geschlechtergerechtigkeit werde jedenfalls nicht gestellt. Dabei seien doch nur 25 % der ProfessorInnen weiblich obwohl nur 49 % der AbsolventInnen männlich seien. Karrieren von Frauen und Männern verliefen jedenfalls ungleich und wenn der Frauenanteil an den Professuren im gehabten Tempo weiterwachse, sei erst in etwa 40 Jahren Parität erreicht.

Dann beschreibt Mauer die Ungleichheiten und kommt zu der Einschätzung, dass zwischen Promotion und Habilitation Entscheidendes passiere und dass dieses Entscheidende an der Hochschule selbst hergestellt werde. Zurückführen tut Maurer dies auf Ungleichbehandlungen, die beschwiegen würden. Stattdessen gebe es ein institutionelles Sprechen von Vereinbarkeit, die wiederum zur Sache weiblicher Wissenschaftlerinnen gemacht werde. Maurer vertritt hier also die These der unsichtbar gemachten Ungleichbehandlung von Männern und Frauen, wer hier aber nun was genau unsichtbar macht, kann sie nicht so recht sagen und weicht zur Erklärung auf die Schuldzuweisung an die Hochschule aus. Als Versuch einer Erklärung bietet sie an, dass das Bild des genialen, sozial entkoppelten Wissenschaftlers unterschwellig weiterhin präsent sei, dabei sei dies doch ein Bild Prekarität zu dethematisieren.

Drei Texte also bisher mit drei Perspektiven. Recht schnell wird klar aus welchen Diskursen Abhilfe schöpfbar ist und aus welchen nicht. Koschorkes ist es eher nicht, nicht weil er wie Maurer meint Professor ist und damit qua Amt ungeeignet sei, Helfendes zu verkünden, sondern weil er nichts anzubieten hat, was die Hermetik der sozial toxischen Dopplung aus Verknappung und Hypostasierung der deutschen Professur aufzuheben vermag. Aus Koschorkes Bild der widerstreitenden Logiken von Forschungsinnovativität und Verbeamtungsstreben führt einfach kein Weg hinaus. Vielmehr ist das genau die Denkweise aus den frühen 1990er Jahren, die das deutsche Wissenschaftssystem in den Schlamassel hineingeführt hat, in dem es jetzt festhängt. Es kann also tatsächlich sein, dass wenig Heil von den Spitzen des Systems kommen kann.

Gatzkas Text ist da ungleich interessanter, weil sie zum einen auf gelingende Art Koschorkes Hermetik überwindet und Pfade aufzuzeigen vermag, die ins Freie führen. Zudem schafft sie es, eine Schnittstelle von sozial/organisationaler und epistemischer Dimension aufzuzeigen, macht also das, wozu gutgebaute wissenschaftssoziologische Perspektiven im besten Fall in der Lage sind. Zwar ist es immer wieder mal gut, ein Dilemma aufzuzeigen, wie Koschorke dies tut, aber man sollte schon wissen, wo es künftig hingehen kann, und da hat Koschorke einfach nichts zu bieten.

Viel mehr ist es dann aber bei Mauer auch nicht. So richtig es ist, geschlechtsspezifische Ungleichheiten anzuprangern, dann zu behaupten, keiner bemerke sie, ist angesichts des Vorhandenseins von Gleichstellungsbeauftragten und -strategien nicht ganz unproblematisch. Das Desinteressen an fachlicher Differenz in Hinblick auf soziale Strukturen tut m. E. ein Übriges. Zwar stimmt es, dass es ein mit hierarchischer Stufe immer größer werdendes Gender-Participation-Gap gibt, aber sind es wirklich in allen Fächergruppen die gleichen Mechanismen, die da wirken? Differenzierte Strategien, das unzweifelhaft gegebene Problem zu überwinden, lassen sich somit schwer finden. Anekdotische Evidenzen, wer denn nun wen immer frage, wie man es mit den Kindern mache, wie sie in den letzten Tagen in Medien wie Twitter zu finden waren, helfen da auch nur bedingt weiter.

Auswege liegen also, wie es scheint in einem genaueren Hinschauen, wie und wo unselige Pfadabhängigkeiten sich auswirken und vermutlich auch in einem über Tellerränder Hinausschauen. Spannende Frage wäre dabei auch, wie Forschungsgovernance außerhalb von Academia organisiert wird. Dann würde klar werden, dass das akademische Festhalten an Befristung wohl auch eine Reaktion darauf ist, dass man in öffentlichen Institutionen nicht einfach Anreizstrukturen mit dem Anbieten von Geldkarrieren setzen kann. Weil dies nicht geht und HochschullehrerInnen und InstitutsleiterInnen keine anderen Wege wissen, wie sie ihr wissenschaftliches Personal kontrollieren können, halten halt alle am Befristen fest, weil es so einfach ist und auf den ersten Blick weniger kostet. Wenn allerdings geschärft an Gatzkas Perspektive klar würde, was dabei alles an Gedanken unter den Tisch fällt, müsste an Wissensgewinnung interessierte Politik doch andere Wege beschreiten wollen.

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