Hochschulpolitik als neoliberaler Diskurskitsch

So richtig neoliberale Hochschulpolitik findet man in Deutschland zurzeit nicht. Das heißt aber nicht, dass sie für alle Zeit weg wäre, sondern nur, dass ihre Protagonisten gerade etwas stiller sind. Themen, die uns heute als hochschulpolitische Untote erscheinen mögen (wie in etwa die z. Z. nur von Der Zeit und wahrscheinlich der Bertelsmann-Stiftung befürworteten Studiengebühren) können jederzeit wieder auftauchen. Allerdings finden sich immer wieder Versatzstücke neoliberaler Hochschulpolitik auch hierzulande, z. B. wenn Forschungsabteilungen aus Wissenschaftsministerien aus- und in Wirtschaftsministerien eingegliedert werden oder wenn Bildungsministerien ganz mit Wissenschaftsministerien zusammengelegt werden, das ist dann zwar kein Neoliberalismus, die Begründungen für derlei Maßnahmen sind aber in seiner Denkwelt verankert. Es lohnt – auch wenn es eigentlich keinen Spaß macht – immer wieder mal nachzuschauen, wohin so was zu ende gedacht führen kann.
Anderswo jedenfalls gibt es noch richtig neoliberale Hochschulpolitik, in Europa derzeit am ehesten in England. Dort hat vor ein paar Monaten die Regierung ein sogenanntes Green-PaperFulfilling our potential: Teaching Excellence, Social Mobility and Student Choice“ vorgelegt. Das Ministerium, das das Papier verantwortet, heißt Ministerium für (Business, Innovation and Skills), d. h. im Deutschen Geschäft, Innovation und Fertigkeiten. In Deutschland wäre das eine Fusion aus BMBF und Wirtschaftsministerium unter Federführung des Wirtschaftsministers.


Das Green Paper ist ein für unseren politischen Diskurs gewöhnungsbedürftiges Dokument. Es blüht von Behauptungen und Absichtserklärungen und ist anders als deutsche Politikpapiere nicht sehr faktengesättigt, stattdessen finden sich immer wieder durchaus suggestiv daherkommende Fragen, die man aber nur dann im vollen Umfang beantworten kann, wenn man die wesentlichen Grundannahmen des Papiers teilt. Die Fragen sollen die anstehende Debatte strukturieren und Verbänden, Gewerkschaften und anderen politischen Akteuren Gelegenheit geben begründet Stellung zu nehmen. Hierbei fällt auf, dass je ferner die Antwortenden der Regierungsposition stehen, desto mehr Fragen unbeantwortet bleiben, mich würde es wundern, wenn nicht genau das der Intention seiner AutorInnen entspräche.
Green Papers sind konsultative Dokumente und können nach Schließung einer Debatte zu White Papers, die dann konkrete Maßnahmenbündel darlegen, führen. Damit steht das Green Paper formal gesehen am Anfang einer politischen Debatte. Im vorliegenden Fall stimmt das insofern nicht stimmt, schließlich reiht sich das Green Paper in einen Strom neoliberalen Schreibens und Argumentierens ein. Auch im hochschulpolitischen Feld gibt es Vorläuferpapiere, wie den Browne Report von 2010 . Und es gibt auch schon ein White Paper (The Future of Higher Education) aus dem Jahr 2003, besprochen ist es hier.
Das Green Paper um das es hier geht sitzt damit auf den Schultern von nicht gerade Riesen, hat aber seine Vorläufer. Dies ist wohl einer der der Gründe, warum eben schon erwähnter Stefan Collini auch dieses Papier besprochen hat. Ich werde mich im folgenden paraphrasierenden Teil bei seinem vor ein paar Wochen erschienenen Artikel bedienen. Zunächst will ich die Grundannahmen neoliberalen hochschulpolitischen Denken noch einmal aufrufen. Dies sind (1.) die Annahme, dass der Gedanke, die Universität sei ein geschützter sozialer Raum, der sich dadurch auszeichnet, dass es dort andere als vordergründige Ziele zu verfolgen gilt, eine Illusion ist. Zum (2.) geht neoliberale Hochschulpolitik davon aus, dass es Aufgabe von Hochschulen ist, im Beschäftigungssystem verwertbare Qualifikationen und nichts sonst zu vermitteln, das Ziel, analytische oder intellektuelle Fähigkeiten zu vermitteln dient ausschließlich dem erstgenannten. (3.) Interesseloses Untersuchen und das Vermitteln kulturellen Erbes sind deshalb auch keine für sich stehenden öffentliche Werte, wie auch? Stattdessen, weiß man als neoliberaler Hochschulpolitiker, worum es wirklich geht: nämlich darum, für das bezahlte Geld was Verwertbares zu bekommen, value for money. Diesen Anspruch gilt es, gegen Produzentenkartelle (gemeint sind hier Hochschulen, Fachgemeinschaften und AkademikerInnen) durchzusetzen. Da ist der neoliberale Staat ganz auf der Seite der Studierenden, denen es seiner Auffassung nach darum und nur darum geht, verwertbares Wissen zu bekommen. Es ist nicht ganz ohne Ironie, dass früher die Vorgänger des neoliberalen Staates eher nicht auf der Seite der StudentInnen und insbesondere ihrer sozialen Bewegungen waren, aber damals wollten diese ja auch etwas anderes.
Dieses value for money-Konzept ist, was Wissensinhalte betrifft, natürlich desinteressiert, nach einem Zusammenhang von Forschung und Lehre wird im Green Paper an keiner Stelle gefragt. Ebenso von keinerlei Interesse ist, was an Kosten auf Studieninteressierte zukommt, vielmehr geht es nur darum, dass diese Kosten es wert sind. Am besten nähert man sich im neoliberalen HE-Diskurs diesem ominösen es wert sein mit Charts, Listen, Rankings, aus denen am besten Zahlenrelation wie Jahresgehalt-£ je Leistungspunkt (im Ideal auf jedes einzelne Lehrangebot heruntergebrochen) oder ähnliche Maßzahlen hervorgehen. Ist diese Relation maximiert, dann ist die Lehre exzellent. Mit einem Fachbezug tut sich so ein Denken natürlich schwer, andererseits aber würde es ganz neue Möglichkeiten eröffnen; Hochschulen vielleicht sogar erlauben, sich an Finanzmärkten zu refinanzieren, indem sie ihre Studiengebührenanspruchsanleihen am Markt platzieren und verwerten könnten. Auffällig ist auch, dass trotz des Abstellens auf value for money jegliche Erörterung der Rolle von Preissensitivität im HE-Sektor fehlt, in etwa die Erörterung der Frage, ob sozial nicht so bevorteilte Studierende preissensitiver wären, was ihren Zugang zu value for money limitieren würde, weil die besseren Einrichtungen ja teurer sein dürften.
Neben diesen Leerstellen im Konzept fällt eine eigenartige Organisationsfixierung auf, die sich weniger auf existierende, als vielmehr fiktive Organisationen richtet. Es ist viel die Rede von Providern. Ein aus deutscher Sicht frappierender Spracheffekt, der daher rührt, dass es im englischen kein richtiges Synonym für das deutsche Wort Hochschule gibt. Das würde allenfalls das umständliche Higher Education Institution, also ein Begriff sein, der in den neoliberalen Rahmen nicht hineinpasst. Konsequenterweise verfolgt das Green Paper den Ansatz, den Begriff University nach unten zu öffnen und den alten Begriff University College abzuschaffen, so dass sich einfach jeder HE-Provider unabhängig von Programm, Größe oder fachlicher Vielfalt Universität nennen kann. Damit sind die inhaltlichen Ansprüche, die auch in England mit dem Begriff der europäischen Universität noch bis vor Kurzem verbunden waren (s. o.), abgeräumt. Sie lassen sich gemäß des neoliberalen Konzeptes als Schutzbehauptungen des Anbieterkartells darstellen, die nur dazu dienen, innovative andere Anbieter (Provider) vom Markt fern zu halten. Es trifft sich deshalb gut (aus neoliberaler Sicht), dass der Umgang mit dem Universitätsbegriff lange Jahre mit maximaler Entspanntheit gehandelt worden ist.
Schwierig für das neoliberale Hochschulkonzept ist, dass Universitäten und ihre wissenschaftlichen Disziplinen Institutionen sind, deren Sinn gerade darin besteht, miteinander zunächst einmal Unvereinbares miteinander zu vereinbaren. Eine Logik der Forschung ist etwas anderes als eine der Lehre. Eine Orientierung an ausschließlich fachlichen Relevanzen kann ein Fach für Außenstehende unverständlich machen, würde man es aber ausschließlich an externen Ansprüchen ausrichten, fände keine fachliche Weiterentwicklung mehr statt. Gerade hierin liegt der beste Grund, warum eine Autonomie der Universität mehr sein kann, als eine hohle Leerformel. Wie dem auch sei, Universitäten und das Wissenschaftssystem waren relativ erfolgreich darin, das eigentlich Unvereinbare miteinander zu vereinbaren (weil sie darin nicht perfekt waren, gibt es kritische Diskurse wie z. B. den von der Transdisziplinarität). Solche Diskurse laufen in der neoliberalen HE-Welt selbstredend ins Leere, weil es keinen sozialen Ort gibt, an dem sie anknüpfen könnten. Enstsprechend fehlt im Green Paper auch jede Art eines Gesellschaftsbezuges von Wissenschaft, Forschung oder Lehre. Mehr als Verweise auf Leerformeln wie Robustness und Transparency findet man im Green Paper nicht.
Gleichwohl, durch die neoliberale Brille ist das ja auch alles Unsinn, denn man weiß, was die wirklich relevanten sozialen Beziehungen sind, nämlich für sein Geld ordentlichen Gegenwert zu bekommen. Weil man aber dadurch die bis dato institutionell verhandeltetn Unvereinbarkeiten (Forschung und Lehre etc.) nicht wegbekommt, baut man einfach eine Bürokratie nach der nächsten auf. Dem Green Paper zufolge ist das eine Zielstellung des aufzubauenden Teaching Excellence Framework (TEF), dies soll die für die Lehre dysfunktionalen Nebenfolgen des Research Excellence Frameworks (REF) kurieren. Bedenkt man, dass die Jahreskosten des REF in 2014 sich auf fast 250 Mio. (Pfund) beliefen, kann da auf den englischen Steuer- und Gebührenzahler so einiges zukommen. Man bekommt dafür zwar kein neues Wissen, aber immerhin richtige viele Forschungs- und mit dem TEF dann auch Lehrbetriebsmanager sog Higher Education Professionals (HEPROs). Manchmal entstehen dabei dann auch Dokumente, denen eine gewisse Komik nicht abgeht: So gibt es z. B. eine REF-Sheet, case impact study genannt, welches die von Collini publizierte Kritik des hochschulpolitischen Neoliberalismus zum Gegenstand hat, sie sei auch ökonomisch relevant, heißt es dort, weil sein Buch „What Are Universities for?“ habe sich 8000 mal verkauft, ein You-Tube Video, entstanden anlässlich der Veröffentlichung des Buches, sei gar 11.000 mal angesehen worden. Froh macht letztlich, dass mit fortschreitender Bürokratisierung der Hochschulen in Zukunft die Burokratiestückkosten vielleicht sinken können, MINT-Kampagnen, Akkreditierungsbürokratien etc. realisieren sich dann fast wie von selbst.
Es lohnt sich hier noch einmal im O-Ton aufzuschreiben, was das TEF bzw. das mit seiner Umsetzung beauftrage OST (das Office for Students) leisten soll:
• ensure all students receive an excellent teaching experience that encourages original thinking, drives up engagement and prepares them for the world of work
• build a culture where teaching has equal status with research, with great teachers enjoying the same professional recognition and opportunities for career and pay progression as great researchers
• provide students with the information they need to judge teaching quality
• recognise institutions that do the most to welcome students from a range of backgrounds and support their retention and progression
• include a clear set of outcome-focused criteria and metrics (vgl. https://www.gov.uk/government/speeches/teaching-at-the-heart-of-the-system).
Man sieht, es geht hier stark darum, ein „dagegen-kann-man-ja-wohl-nichts-haben-Gefühl“ aufzurufen, wer wäre auch dagegen, dass „Lehrerfahrungen exzellent“, originäres „Denken ermutigt“ oder gar Studierende mit all dem Wissen versorgt sind, das sie brauchen, um Lehrqualität zu beurteilen? Fragen kommen erst mit dem Nachdenken, wie genau eine Kultur aussähe, die Lehre auf allen Ebenen genau wie Forschung bewertet, ob Studierende insbesondere Undergraduates wirklich vollumfänglich beurteilen können, was gute Lehre ist und ob man wirklich von institutionellem Versagen sprechen kann, wenn nicht alle Undergraduates eben genau das können? Hier zeigt sich wieder die Vorliebe des neoliberalen Diskurses zur vollmundigen, aber empirisch untergesättigten Absichtsbehauptung.
Vieles was als metrische Proxies im Rahmen dieses Diskurses als Ersatz der Sache selbst akzeptiert ist, ist indikatorenoportunistisch soweit manipulierbar, dass die Parodie von der echten Sache kaum mehr unterscheidbar ist. Bei all den Selbstbeschreibungen, die anzufertigen sein werden gilt das ohnehin, wer das am besten kann, wird es schaffen, die beste Qualitätssimulation an den Tag zu legen. Noten und Erfolgsquoten kann man durch eine Absenkung inhaltlicher Standards manipulieren und genau das ist in den letzten fünf bis zehn Jahren an den englischen Hochschulen ja auch passiert, denn eine Note schlechter als eins (oder A +) wäre ja als eine gewerbliche Schlechtleistung zu bezeichnen. Dementsprechend gab es das in den letzten Jahren immer weniger davon; wo es aber keine meritokratische Differenzierung mehr gibt, ist der soziale Aufstiegskanal über gute Noten verstopft und es greifen wieder die Klassiker, Familie, Habitus, Verbindungen. Das wäre ein Problem selbst für den neoliberalen Diskurs.
Um sicherzustellen, dass metrische Indikatoren als Ersatz für tatsächlich gute Lehre reibungslos akzeptiert werden, sieht das TEF eine Beteiligung von Lehrenden bei der Qualitätsmessung erst gar nicht vor. Darin liegt ein wesentlicher Unterschied zum REF, welches im Kern noch auf Peer Review basiert. Wozu auch, wo es doch genügt, Studierende und Arbeitgeber in Hinblick auf die Qualität von Lehre zukonsultieren, denn die Studierenden sind ja mit der Information, die sie brauchen um die Qualität der Lehre einzuschätzen versorgt (s. o.). Gravierender noch aber ist, dass nichts von den Metriken, die im Green Paper genannt werden, Qualität der Lehre misst, denn dies könnte nur ihre Beurteilung im Rahmen eines qualitativen wissensgestützten Zuganges, in etwa ein Rating durch lehrende Peers tun. Genau dies aber ist nicht Bestandteil des TEF.
Am Ende nach Verlauf etlicher Jahre soll das TEF eine differenzierte Berechtigungsstruktur Studiengebühren oberhalb der Inflationsrate anzuheben hervorbringen.. Auf diesem Weg könnte es gelingen, dass das TEF doch das erreicht, was es dem eigenen Bekunden nach soll, nämlich „bessere“ Lehre besser auszustatten. Top Universitäten werden so mehr Geld haben, teurere Lehrende zu akquirieren und damit vielleicht doch eine qualitativ bessere Lehre anzubieten. Nebenbei fällt ein bisher gegebener Schutz vor steigenden Studiengebühren, der bislang als Grund für ihre Sozialverträglichkeit angeführt worden ist, denn die Hochschulen, die es gut schaffen sich im Rahmen des TEF darzustellen dürfen ihre Studiengebühren nach oben schrauben. Inwiefern das soziale Mobilität steigern soll, bleibt ein Geheimnis der britischen Regierung.

Sprache und Denkstil des Green Papers erfüllen fast alle Voraussetzungen, die man an Denkkitsch stellen kann. Nicht Kitsch im herkömmlichen Sinne aber im Sinne von Intellektualkitsch, der sich durch das Herstellen von Eindeutigkeit und das Evozieren intellektuellen Wohlgefallens auszeichnet. Im vorliegenden Fall müsst man wohl von neoliberalem Diskurskitsches rede. Kitsch ist das Papier, weil es zum einen Eindeutigkeit aufruft, wo es stattdessen institutionalisierte Spannungsverhältnisse gibt zum anderen seinen inhaltlich konform gehenden LeserInnen mit einer DurchblickerInnenattitüde entgegentritt: wir und Ihr wissen, worum es bei Hochschulbildung wirklich geht. Kitschig ist das Papier zum dritten wegen seiner Bereitschaft Komplexität auszublenden. Es geht großzügig darüber hinweg, warum Menschen sich mit Wissenschaft befassen und stellt mit weitestgehender Ausschließlichkeit auf einen Berufsbezug ab. Neugier und Wille etwas zu wissen spielen im neoliberalen Hochschulkonzept keine Rolle. Ob sich darauf Zukunft bauen lässt, muss man bezweifeln.

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