Vom Duellplatz zur Transformationsarena der Grand Challenges. Zur erstaunlichen begriffshistorischen Karriere eines wissenschaftspolitischen Begriffs

David Kaldewey Juniorprofessor am Forum Internationale Wissenschaft der Universität Bonn hat in der Zeitschrift Minerva einen Artikel zum Diskurs Großer gesellschaftlicher Herausforderungen, Grand Challenges vorgelegt. Anders als der Wissenschaftsrat und auch ich in diesem Blog hier fragt er nicht nach forschungspolitischer Bedeutung und Anwendbarkeit des Begriffes Grand Challenges (GC) sowie der Reichweite des Diskurses, sondern nach dem Begriff selbst. Er will wissen, was ein Begriff wie dieser über Veränderungen im wissenschaftspolitischen Feld aussagen mag. Er wählt dabei einen an Kosellecksche Begriffsgeschichte angelehnten Zugang und nimmt den Diskurs GC in den Blick, so wie man auch andere, umstrittene politische Großbegriffe, wie Demokratie, Freiheit, Ideologie etc. in de Blick nehmen würde. Er fragt danach, wie und warum sich ein Begriff, der initial, was seine semantischen Quellen betrifft, gar nicht der wissenschaftlichen Sphäre entstammt, so schnell ausbreiten konnte. Zentrale Motivation, das zu fragen, ist wiederum die Frage, ob der GC-Diskurs transformative Impulse in Bezug auf Selbstverständnis und -beschreibung von WissenschaftlerInnen zu entfalten vermag. Kaldewey kommt dabei zu einer Reihe überraschender und interessanter Einsichten zudem ist der dabei entstandene Text eine Fundgrube spannender Gedankenstränge und erlaubt eine Reihe voranbringender Anschlussgedanken, deshalb verdient es ausführlicher vorgestellt zu werden.

Zunächst aber steigt er mit wichtigen Aufräum- und Einsortierarbeiten ein. Der für seine Untersuchung zu sichtende Textcorpus erweist sich dabei als schillernd, weil man es mit analytischen und strategisch fach- bzw. disziplinpolitischen Textsorten zu tun bekommt, die nicht immer und in jedem Fall voneinander getrennt, manchmal beides zugleich seien, sagt Kaldewey. Primärquellen sind damit Sekundärquellen und vice versa. Was aber nicht heiße, dass die jeweils behandelten Gegenstände nicht real wären. Mit den großen Herausforderungen verbundene Konstellationen gebe es schon, allerdings seien sie nicht einfach da draußen, sondern davon abhängig, dass eine Gesellschaft bestimmte Konstellationen als thematisierungswürdig und -bedürftig betrachte.

Für den Hauptteil seines Artikels wählt Kaldewey zwei Zugangswege der historischen Semantik aus: Einen onomasiologischen und einen semiasologischen. Ersterer geht davon aus, dass es ein gegebenes Phänomen gibt, das zu unterschiedlichen Zeitpunkten mit unterschiedlichen Begriffen belegt wird, zweiterer hingegen verfolgt bestimmte Begriffe durch die Zeit. Onomasiologisch gesehen sind Phänomene, die heute mit dem GC-Begriff belegt werden früher Probleme oder Bedrohungen (threats) genannt worden. Die Frage ist dann, warum spricht man heute nicht mehr von Problemen oder Bedrohungen, sondern von Herausforderungen. Semiasologisch hingegen lautet die Frage, woher der Challenges-Begriff stammt, wer ihn wann warum in welchen Kontexten verwandt hat. Der Begriff kommt – wie sich zeigt – aus der Sphäre des Männer-Sportes (im weiteren Sinne), ist im Laufe der 1980 Jahre in die Managementsphäre eingewandert, und vermittelt über diese zu einem Leitwort wisssenschaftspolitischer Programmatik geworden, warum eigentlich?

Zunächst aber soll es – ganz onomasiologisch – um Probleme und ihr Lösen gehen, und damit die Metaphorik, die das Reden über Forschung in der Vergangenheit geprägt hat. Popper und Kuhn operierten damit, allenfalls gäbe es neben dem Problemlösen noch die Terminologie des Rätsels, und oder Puzzles, fand damals Kuhn. Beide Begriffe lassen im Vergleich mit dem Problembegriff etwas normative Luft ab, weil es ihnen nicht um außerwissenschaftliche Bedeutsamkeit von Sachverhalten oder zu klärenden Fragen geht, schließlich geht es bei beiden Worten um die sogenannte Normalwissenschaft, also die Wissenschaft alltäglicher Forschung.

Aber anders als der aktuelle GC-Diskurs, der ja schon im Begriff Lösbarkeit der Challenges andeutet, sind die Probleme und Rätsel der älteren Diskurse Mitte des 20. Jahrhunderts nicht notwendigerweise lösbar und können frustrierend sein. Dabei kommt es auf ihre soziale Relevanz noch nicht einmal an. In den 1970er Jahren z. b. beim deutschen Zukunftsforscher Ossip Flechtheim hätten sich aber erste semantische Verschiebungen von Problemen zu damals „existenziellen Herausforderungen“ angedeutet. Flechtheim paarte seine existenziellen Herausforderungen ganz im Geiste des 1970er Jahre Planungsoptimismus mit „optimalen Lösungen: (1) die Institutionalisierung des Weltfriedens mit Hilfe der Friedensforschung; (2) Bevölkerungskontrolle und Ernährungssicherheit mittels globaler Entwicklungsplanung; (3.) Humanisierung des Staates und Demokratisierung der Gesellschaft mittels Zukunftsforschung; (4.) Schutz der Natur durch Umweltschutz und Planungsagenturen; (5.) die Ertüchtigung der Menschen, zu kreativen Subjekten zu werden durch Pädagogik und die neue Disziplin Psychagogik.

Zeitlich parallel dazu hat es in den 70er aber auch den planungswissenschaftlich am design thinking orientierten Begriff der sogenannten Wicked Problems gegeben, die an die Stelle der klar definierten existenzieller Probleme traten. Wicked problems sind schlecht definiert, dependent und abhängig von politischen oder ethischen Urteilen, es gibt keine klaren behördlichen Zuständigkeiten für sie. Ihre Bearbeitung sei eigentlich nie wirklich abgeschlossen, und hänge zudem von wissenschaftsexternen Faktoren, wie Forschungsmitteln und politischen Prioritätensetzungen ab.

Eine seltsame Widersprüchlichkeit, die zugleich darauf verweise, wie anders als in den 1960er Jahren Problemkonstellation heute gerahmt werden, ergebe sich hier, sagt Kaldewey, weil die Grand Challenges trotz der Wickedness der Aufgabenstellungen sich, was ihre Lösbarkeitserwartungen angeht, diskursiv am Optimismus der 1970er Futurologen wie Flechtheim orientieren.

Das steht von heute aus gesehen am Ende einer Entwicklung, wissenschaftspolitische Diskurse neu und anders zu rahmen. Seit den 1960er zielten die meisten davon auf eine Überwindung, zumindest aber Überbrückung der Unterscheidung von Grundlagen- und anwendungsorientierter Forschung. Offensichtlich hatte die Wissenschaftspolitik ein großes Interesse daran entwickelt, Wissenschaft mehr steuern zu können. Begriffe wie Missionsorientierung, später auch oriented basic research oder strategic research fanden da Verwendung. 1972 sprach Lord Victor Rothschild in einem in Nature veröffentlichten Paper von forty five varieties of research and development. Die Langmut, sich diesen Prozess wiederholter Vereinnahmungsversuche durch wissenschaftsferne Akteure unkommentiert anzugucken war auf Seiten der Wissenschaft offenbar nicht mehr so sehr gegeben. Die heute so populären Begriffe Inter- und Transdisziplinarität entstammen auch dieser Diskurslandschaft, nicht zufällig wurden sie von Futurologen formuliert; wie all die Begriffe dieser Zeit versuchen sie, nicht zuletzt auch disziplinimmanente und soziale, disziplinentranszendierende Relevanzen miteinander in Verbindung zu bringen.

Der Geist der Missionsorientierung scheint dann auch noch im GC-Diskurs zu stecken. Wenn dem so wäre, gäbe es dann eine direkte wissenschaftspolitische Linie vom Apollo-Projekt zu den großen Herausforderungen heute. Dazwischen wären dann die verschiedenen Wars, der on cancer und der on Aids z. B. eher Fußnoten der forschungspolitischen Diskursgeschichte, weil die Kriegsmetaphorik jede semantische Strahlkraft verloren hat und nur noch als ihre Karrikatur im global war on terror (GWOT) nach 2001, oder als pathetisch-aufschneiderischer War on Drugs wiederkehrte. Beide Kriege waren und sind so moralisch aufgeladen wie in Sache und Ergebnis erfolglos.

Bis hier sei aber nicht zu verstehen, was der Übergang von Problemen über Kriege zu Herausforderungen denn nun bedeuten würde, für welchen Wandel im forschungspolitischen Feld der steht. Der Begriff der Challenges tauchte, wie ein Blick zurück zeigt, zuerst in den 1980er Jahren in forschungspolitischen Kontexten auf: 1987 in einem Report des US Federal Coordinating Council for Science, Engineering and Technology, ein Jahr später beim National Research Council (NRC). Die 1990er Jahre verbrachte der Begriff forschungspolitisch gesehen im kommunikations- und computerwissenschaftlichen, ingenieurwissenschaftlichen Feld, das nicht zufällig eine höhere Affinität zu Management- und Technologiediskursen und deren Sprache aufweist; ab 2000 tauchte er dann aber auch in den Umweltwissenschaften auf. Ab 2000 wurde der Challenges-Begriff wissenschaftspolitisch ubiquitär. Es habe aber noch eine andere, längere begriffliche Vorgeschichte im Bereich der nationalen Politik gegeben: Nationale Herausforderungen habe es Mitte des 20. Jahrhunderts schon gegeben, die sowjetische in den 1950ern (nach dem sogenannten Sputnik-Schock 1956), die japanische in den 1980ern. Und dann habe es noch die noch ältere Vorgeschichte aus der Welt des Gentleman-Sports, bzw. Wettbewerbs gegeben. Die Aufforderung zum Duell unter Ehrenmännern sei eine Challenge gewesen, man nahm sie an, um eine beleidigende Accusation abzuwehren. Die mit Degen oder Pistole ausgetragenen Duelle verschwanden irgendwann (nicht ohne in Sportarten wie Fünfkampf widergespiegelt zu werden), oder wurden durch die mit Golfschlägern, Autos, Ruderbooten oder Yachten ausgetragenen ersetzt, gegen Ende des 19. Jahrhunderts jedenfalls sei diese (nicht nur) semantische Transformation beendet gewesen.

Im späteren 20. Jahrhundert dann wanderte die Sportmetaphorik nach und nach in die Universitäten ein, chinesische Prestigeuniversitäten gingen einen Challenge Cup Competition for Science and Technology ein, dabei ging es allerdings noch um außer- resp. nebencurriculare Belange von Studierenden. Robotikforschungsgruppen trugen dann ab der Mitte der 1990ern ihren RoboCup aus, Roboter traten da zum Fußballspielen an, Mannschaften kamen zunächst aus den USA und aus Japan (ab Mitte der 0er Jahre nahmen mehr als 40 Universitäten und Forschungsinstitute aus vielen Teilen der Welt an einem im zweijährigem Rhythmus in zehn Ligen ausgetragenen Wettbewerb teil). Idee dabei war eine Grand-Challenge der KI-Forschung anzunehmen. Damit war die Challengemetaphorik im Herzen des Wissenschaftsbetriebs angekommen.

Zum Schluss concludiert Kaldewey sei es trotzdem nicht einfach zu sagen, ob der GC-Diskurs nun Veränderungen im Verhältnis von Wissenschaft, Technologie und Gesellschaft beschreibt oder ob er seinerseits ein Veränderungsfaktor ist. Am wahrscheinlichsten ist wohl, dass man es mit Koproduktion von Beschreibung und Veränderung zu tun hat, bei der Beschreiben immer auch Mitwirken an Veränderungsprozessen in Bezug auf des Beschriebene ist. Noch offen ist die Frage, was von der Sportifizierung der Wissenschaft zu halten ist. Offenkundig liegt sie nicht auf einer Ebene mit den von Peter Weingart in der Stunde der Wahrheit beschriebene Prozessen von Politisierung, Kommerzialisierung oder Medialisierung. Welche machtvollen, interessegeleiteten Akteure sollten das auch im Falle der Sportifizierung sein, fragt Kaldewey, das Sportsystem habe dabei jedenfalls nichts zu gewinnen. Und auch aus Sicht des Wissenschaftssystems sei nicht ohne weiteres zu erkennen worin ihr Ertrag liegt, anders als dies bei den von Weingart beschriebenen Prozessen der Fall ist. Schließlich kann man sich als Leiter einer wissenschaftlich Institution Vorteile davon versprechen, wenn man seine Einrichtung als politisch, wirtschaftlich-kommerzielle relevant oder als Wahrheitsorientiert (in diesem Fall griffe man auf eine quasireligiöse Semantik zurück); nichts von alledem trifft aber bei der Sportifizierung zu. Vielleicht aber könne sie, so spekuliert Kaldewey, neue semantische Horizonte eröffnen, ohne dabei wissenschaftliche Integrität zu tangieren, vielleicht kann sie sogar kommunizierenden Akteuren erlauben an neue gesellschaftliche Wertsphären, auch denen aus dem Sport anzudocken.

Das sind spannende Spekulationen. Bereits jetzt ist ja zu sehen, wie stark die soziale Attraktivität des Sportes ist, sonst gäbe es nicht so viele Akteure, die versuchen von seinem glanz etwas abzubekommen und dabei immer wieder auch mal Schatten auf den Sport werfen. Werbung bedient sich flächendeckend des Sportthemas, damit werden Uhren, Autos, Flachbildschirme und viele andere Massengüter verkauft, hinzu kommen die Branchen die das Freizeitsportgeschehen ausstatten und mit Gütern versorgen. Im Gegenzug wird Sport gesponsert. In den USA macht dabei schon seit sehr langem auch das Universitätssystem mit. Es gibt College-Leagues in Basketball, Foot- oder auch Fussball, Universitäten – nicht nur aber mit besonderer Energie die aus der zweiten Rehie – legen Sportförderprogramme und –stipendien auf, die meisten amerikanischen Universitäten haben hoch bezahlte sport directors und Coaches, die in Einzelfällen höhere Bezüge haben als das ohnehin schon hochbezahlte akademische Spitzenmanagement. Betrug und Korruption sind dabei – wie es aussieht – nicht ausgeblieben. Über Korruptionsprobleme der internationalen und vieler nationaler Sportverbände, die inzwischen seit Jahren zum nur allzu vertrauten Nachrichtengrundrauschen gehören, mag ich aus Gründen der Langeweileabwehr erst recht nicht mehr Worte verlieren als nötig.

Für die Frage der Sportifizierung von Wissenschaft sind die eben beschriebenen Schnittstellenprobleme des Sportes, die immer da auftreten, wo das Sportsystem Berührungsflächen mit anderen Teilsystemen der Gesellschaft (insbesondere, Wirtschaft und Politik) entwickelt, von randständigem Interesse. Interessanteren Beispielcharakter könnten eher so absichtsarme teilsystemspezifische Interaktionsarenen wie die von Sport und Kunstsystem oder die Berührung von Sport und Religion liefern, da geht es jeweils um wenig, es gibt aber vielleicht ein bisschen zu gewinnen. Was hat dann also die Wissenschaft aus einer Sportifizierungsentwicklung zu gewinnen, neben dem Abglanz des Sportes? Möglicherweise besteht in dem Aspekt der Stärkung eines Eigenlogikdiskurses ein Erklärungszusammenhang. Schließlich geht ja gerade vom Sport viel starkes Eigenlogikbeharren aus, diese Interessenlosigkeit und spielerische Selbstbezogenheit der sportlichen Eigenlogiken ist ein Quell sozialer Legitimität. Angesichts dessen, dass auch Wissenschaft (als soziales Teilsystem) darauf verwiesen ist, ihre Eigenlogik neu auszuhandeln ist der vom GC-Diskurs ausgehende Sportifizierungsimpuls eine spannende Anregung. Der Wissenschaftsfreiheitsgewinn, der mit dem GC-Diskurs verbunden sein kann, bekommt damit noch eine andere Facette. Es entbehrt aus begriffshistorischer Perspektive nicht jeglicher Ironie, dass ein Terminus der in Männerhrenhändeln des 18. Jahrhunderts seinen Anfang nahm helfen soll, Wissenschaftsfreiheit im 21. Jahrhundert zu befördern. Aber so scheint es zu sein.

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