Warum es beim Anthropozän ästhetisch gesehen Luft nach oben gibt und neue Technologie alleine da vermutlich nicht durchhilft

Ob und seit wann, wir in einem Anthropozän, also in einem von menschlichem Handeln geprägten Erdzeitalter leben lässt sich aus geologischer Sicht trefflich streiten. Der Streit ist in einer Arbeitsgruppe institutionalisiert und wir werden in einigen Jahren erfahren, was die Geolog*innen dazu meinen.Als Soziologe interessiere ich mich hier, wie schon erwähnt, mehr für außergeologische Konzepte, Konzepte von Zeit z. B, oder auch politikwissenschaftliche Denkansätze, die danach fragen, was es denn nun eigentlich bedeutet, im Anthropozän zu leben.

Das Konzept der Deep Time stellt auf die Diskrepanz von geologischen Zeiten und menschlichem Erleben und Verstehenkönnen ab. Geologische Zeiteinheiten messen sich schließlich in Jahrtausenden, besser Jahrzehntausenden, menschliche Geschichtsschreibung kann da nicht mithalten. Anthropozän fängt aus der Sicht dieses Konzeptes da an, wo menschliches Handeln Konsequenzen zeitigt, die noch in vielen vielen Jahrhunderten ja Jahrtausenden sicht- und erlebbar sein werden. Menschliches Handeln wird damit zu einem Naturkräften gleichstehenden Faktor, vormals Erhabenes ist nicht mehr nur der Natur vorbehalten, denn Folgen menschlichen Handelns haben längst einen Umfang angenommen, der Naturphänomenen gleichkommt; so bewegt eine einzige kanadische Ölsandmine in einem Jahr mehr Tonnen Sediment, als alle Flüsse der Welt zugleich. Nur gut aussehen tut das halt nicht.

Angesichts der Banalität und der ästhetischen Insuffizienz, die anthropozonäre Veränderungen kennzeichnet, fällt es allerdings schwer den Begriff des Erhabenen auf sie anzuwenden, schließlich ist er bislang, Bergen, Kreidefelsen, großen Wäldern und Ähnlichem vorbehalten. Bezogen war er immer auf Dinge, die Menschen nicht ändern können. Nun können sie aber seit mindestens mehr als einem halben Jahrhundert die Dinge ziemlich deutlich ändern. Ölsandminen in Alberta, die doppelt so viel Sand umschaufeln sind nur ein Beispiel, Massen an Plastik, das auf Ozeanen kreist ein anderes. Weder die Ölsandminen noch der Central Pacific Garbage Patch sind schön anzusehen, die Assoziation des Erhabenen vermögen beide Phänomene nicht zu wecken.

Jenseits einer ästhetischen Dimension kommt mit dem Anthropozändiskurs aber ein Moment der gattungsspezifischen Selbstbeschreibung ins Spiel. Menschen sind nicht mehr ephemer, sie verändern die Welt wirklich, nachhaltig nichtnachhaltig, Handeln hat Konsequenzen, die oft weit größer und zeitwirksamer sind, als die damit für einige vielleicht verbundenen Vorteile. Die Tagebaue sind noch da, wenn die Abbauunternehmen längst weiter gezogen sind oder gar nicht mehr existieren. Derlei kann in Bezug auf das Politische, und wie man es versteht, selbstverständlich nicht folgenlos bleiben. Jegliche Sozialwissenschaft kann dann nicht mehr so tun, als hätte ihr Gegenstand keine oder fast keine stofflich dinglichen Konsequenzen.

Politikwissenschaft z. B. reagiert hier auf zweierlei Wegen. Man kann wie Frank Biermann das Anthropozän mit neuen Governanceformen in Zusammenhang bringen, das Anthropozän als ein Governanceproblem angehen, das daraus resultiert, dass die Menschen zu einer Triebkraft globaler Entwicklung geworden sind. Es steht dann für neuartige Interdependenzen auf vielfältigen Ebenen: Zwischen Gesellschaften, funktionale Interdependenzen, intergenerationale Interdependenzen. Biermann vertritt die Auffassung, all diese Interdependenzen würden nach einer neuen Form von Governance, er spricht von Earth System Governance verlangen. Politik müsse neu verhandelt werden, ist sein Ergebnis in einem Satz zusammengefasst. Im Anthrpozän zu leben bedeutet dann, dass die Reinigungsphantasiern der Modernen, die traditionell davon ausgingen dass Existenzweisen und Lebenssphären immer klarer voneinander getrennt sein würden, und dass der Zeitpfeil der Moderne vom Vermuddelten der Vormoderne (Priester, die auch Forscher sind, Schriftsteller die Wissenschaft treiben etc. zum säuberlich Getrennten reicht. Das Vermuddelte kommt nun wieder und ist mitnichten erledigt.

Rasmus Karlsson ein Politikwissenschaftler aus Umea geht einen anderen Weg. Er will theoretische Begriffsklärung betreiben und fragt danach, mit welchen Metaphern man das Anthropozän politikwissenschaftlich einkreisen kann. Sein Ausgangspunkt, den er auch an anderer Stelle einnimmt ist, dass derzeitige zivilisatorische Arrangements nichtnachhaltig sind und deshalb nicht aufrechterhalten bzw. weiterverfolgt werden können. Er geht ferner davon aus, dass es zwei Richtungen gibt, wie dem abgeholfen werden kann, eine weist nach oben, die andere nach unten. So sind auch zwei seiner drei Metaphern für anthropozonäre Verhältnisse auf diese Matrix aufgetragen: Der ökologischen Fußabdruck nicht, aber die Rakete und das startende Flugzeug. Die erste Metapher vom ökologischen Fußabdruck ist etabliert, die anderen zwei weitaus weniger, die Raketenmetapher geht auf Nick Bostrom einen transhumanistischen Philosophen zurück, die Startbahnmetapher auf Karlsson selbst. Gleichwohl meint er, würde sie alle Licht auf wohl zukunftsbestimmendste politische Konfliktlinie werfen, nämlich darauf, wie man sich gesellschaftlich in Hinblick auf technologieinduzierten Risiken positioniert.

Mit dem ökologischen Fußabdruck hält er sich nicht lange auf, er kritisiert, dass die Metapher des Fußabdrucks der Idee nachhängt, dass es in der Natur so etwas wie erstrebenswerte Gleichgewichtszustände gibt, die gebe es nämlich nicht, er koinzidiert aber, dass solch eine Perspektive, wenn man den Menschen der nichtmenschlichen Welt gegenüberstellt, Sinn machen kann. Er meint allerdings auch, dass diese Metapher in einer Welt aus 7 bis 8 Milliarden Menschen radikale Konsumkritik und eine globale Zurückweisung des globalen Kapitalismus bedeutet. Im Mittelpunkt dabei steht seiner Ansicht nach eine geradezu universale Verzichtlogik, beinahe alles, was nicht getan werde, sei etwas Gutes im Sinne ökologischer Nachhaltigkeit. Gerade deshalb aber, sei es unwahrscheinlich, dass eine derartige Logik sich im demokratischen Diskurs durchsetzen könne.

Der Raketenmetapher kann er mehr abgewinnen. Sie geht zurück auf den transhumanistischen Technikphilosophen Nick Bostrom, der meint Kolonisierung anderer Planeten sei als eine moralische Verpflichtung der Menschheit zu betrachten, allein schon um ihre Vernichtung durch kosmische Risiken unwahrscheinlicher zu machen. Aus diesem Grund wollen Transhumanisten Menschen technisch verbessern, sie gründen Firmen, von denen man seinen Leichnam für später cryogenisieren lassen kann oder auch politische Parteien. Die Rakete nun im Zentrum dieser Metapher sei stehend relativ nachhaltig, im Orbit auch, in der Startphase die Atmosphäre durchfliegend sei sie aber unnachhaltig, deshalb müsse sie die Atmosphäre so schnell es geht verlassen. Die Rakete steht stellvertretend für die menschliche Zivilisation. Die Metapher kennt nur eine Richtung, einmal gestartet gibt es für die Raketenzivilisation keinen Weg zurück. Karlsson bezweifelt allerdings, m.   E. zu Recht, dass diese Metapher auf das Politische angewandt werden kann. Weiterhin ist im Rahmen dieser Metapher kaum erkennbar, wie es denn zu einer Überwindung von Nichtnachhaltigkeit kommen soll. Denn einfach darauf zu hoffen, dass nachhaltige gesellschaftliche Naturverhältnisse deshalb möglich werden, weil die Menschheit nicht mehr auf die Erde angewiesen ist, um ihren Ressourcenbedarf zu decken, ist m. E. zu wenig.

Weitaus mehr zu eigen macht er sich die Flugzeug- resp. Startbahnmetapher. Danach stehe ein startendes Flugzeug für die menschliche Zivilisation, es sei Nebel draußen und niemand wisse, wie lang die Startbahn ist. Im Flugzeug werde diskutiert, wie sehr man aufs Gas drücken solle, wann man abheben soll, aber auch ob das Fliegen überhaupt möglich ist. Alles Möglich kann schiefgehen, das Flugzeug kann angehalten werden, oder über das Ende der Startbahn hinausbrettern, im Ergebnis wird das Leben entweder öd oder die Umwelt kommt zu schaden oder beides passiert. Zum Vorteil der dritten Metapher gereicht, dass sie zwei Richtungen kennt, unten und oben, ein auf den ersten Blick meiner Ansicht nach erkennbarer Nachteil liegt aber schon darin, dass Menschen an ganz unterschiedlichen Orten im Flugzeug sitzen können, im Cockpit, im Passagierraum, aber auch im Frachtraum oder gar in den Fahrgestellschächten. Je nachdem wo sie sitzen, wird das Fliegen mehr oder weniger gemütlich werden.

Aber der Vorteil der dritten Metapher ist zugleich auch ihr inhärenter Nachteil, schließlich macht Karlsson keinen Hehl daraus, wie er die unterschiedlichen Optionen bewertet und tappt dabei in die immer wieder herumstehende transhumanistische Falle, die daraus resultiert, dass der ganze aufwärts-abwärts-Diskurs (und dies gilt auch für seine diskursiv veredelte Variante entlang der Achse eines proaktionären vs. precautionären Prinzips) Komplexes nur als Karikatur zu denken vermag. Dann sieht es so aus als hätte man nur die Alternative von Unten und Oben, als müsse man neue Technologien entweder begrüßen oder sich in Hinblick auf Ressourcenverbräuche bescheiden. Derlei diskursiv überhitzte Dichotomien verstellen den Blich darauf, dass man technologieorientiert denken kann, ohne jegliche existierende Technologien weiterzuverfolgen und dass Ressourceneffizienz und technologische Innovationsorientierung sehr wohl miteinander kombiniert werden können.

Das Problem der gegeneinander stehenden Prinzipien und wie problematisch Prinzipien in der Politik sind, habe ich bereits an anderer Stelle diskutiert. Hier möchte ich noch einen anderen Problemaspekt einführen: politische Prinzipien machen meiner Meinung nur dann Sinn, wenn sie auf konkrete politische Gegenstände bezogen werden können. Je – politisch gesehen – unfassbarer  aber ein Gegenstand ist, desto schwieriger wird es, ein dazugehöriges Prinzip politisch operationalisierbar zu machen. So kann ich ein politisches Prinzip, keine Kernspaltung oder keine Grüne Gentechnik praktizieren zu wollen, einführen, ein antitechnologisches, precautionüres oder proaktionäres Prinzip ist dann aber schon weitaus schwieriger zu operationalisieren, weil angesichts politischer Entscheidungssituationen nicht klar ist, wie so etwas aussehen müsste. Prinzipien mit weichen Gegenständen sind damit komplexitätsverklärend und reichen insofern an Politikkitsch heran, als sie Eindeutigkeiten suggerieren, wo es keine gibt. Zu oft auch klingt der transhumanistische Diskurs einfach nur wie gewöhnliche Konservatismus. Ob man nun sagt, das Aussterben der einen oder anderen Art sei egal, wenn es denn nötig sei, dass wir irgendwann zu den Sternen fliegen, oder im Weltmaßstab sei CO2 Effizienz nicht die Aufgabe Deutschlands, sondern Deutschland habe die Verantwortung, Klimaschutz voranzubringen, indem es die Welt mit technologischen Innovationen versorge (wie dies CDU-Kritiker von Barbara Hendricks CO2-Reduktionsstrategie vergangene Woche äußerten), ist aus mehr als einer Perspektive das Gleiche. In beiden Fällen werden Scheinalternativen eröffnet, die gar nicht alternativ zueinander stehen und somit eher dazu beitragen sollen, hergebrachte Politikpraxen aufrechtzuerhalten. Ein proaktionäres Prinzip das jegliche Technik einsetzen will, um ein in vielerlei Sinnen hohes Ziel zu erreichen, ist damit lediglich eine Spielart traditionsmodernistischen Denkens.

 

 

 

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