Was es jetzt zu besprechen gibt. Ein politisch-praktischer Anschluss zur in der Zeit ausgetragenen Nassehi-Lessenich-Kontroverse

Einleitung

Die folgende Thesensammlung ist nach längerer Schreibpause in diesem Blog Nebenergebnis von Schreibbemühungen im Zusammenhang einer Überarbeitung eines hier von einigen Monaten veröffentlichten Blogtextes über linken Populismus als Zeitschriftenaufsatz. Für mich hat sich gezeigt, dass ein Zusammenhang zwischen Linkspopulismus und Nassehischem Sympathieparadox besteht. Diesen Zusammenhang möchte ich hier explorieren. Die Texte, deren Lektüre mich dazu bebracht hat, das aufzuschreiben, stehen hier, hier, und da. Die thesenhafte Form der Aufbereitung ist Folge davon, dass die Denkbemühungen am Anfang stehen.

  1. In seinem viel gescholtenen und kaum gründlich gelesenen, von der Zeit-Redaktion mit dem Titel „Eine Linke braucht es nicht mehr“ betitelten Text, hat Armin Nassehi von einem Sympathieparadoxon der Linken gesprochen. Nassehis Linke erscheint dabei ein wenig als monolithischer Block, der ein Problem hat, gesellschaftliche Komplexität zu erkennen und nicht zuletzt deshalb sich auf die simple Forderung, den Kapitalismus abschaffen zu wollen, fokussiere. Deshalb habe diese Linke nicht viel beizutragen, wo es doch primär um intelligente Steuerung gehe. Diese durchaus pauschalisierende Kritik hat dazu beigetragen, dass der spannendste Aspekt des Textes, das Sympathieparadoxon, weitgehend unbeachtet geblieben ist. Es besagt, dass es aus Sicht (nennenswerter Teile) der Linken, kaum vorstellbar ist, dass andere moralisch integere Menschen etwas anderes wollen, als man selbst. Linke Ziele sollten doch für alle als die Ziele, die es zu verfolgen gilt, ersichtlich sein. Aus dieser Falle gibt es, wie Nassehi sagt, kaum einen Ausweg, er nennt das Unmöglichkeit, Unvermögen der Selbstbeobachtung. Rechts der eigenen Position kann man schlechthin nicht sein, Politisches, was man rechts der eigenen Position wähnt, wird schwer erträglich und schwer kommunizierbar. Politikinhalte müssen auf dieser Grundlage aus einer Perspektive in den Blick genommen werden, die danach fragt, wie links sie sind; erweisen sie sich als nicht links, sind sie nicht von Interesse oder gar degoutant. Das kann dazu führen, dass man ganze Politikfelder rechts liegen lassen muss und dort schlicht nicht sprechfähig ist, in einer milderen Form mit immer gleichen stereotypen Wendungen kommentieren muss.*
  2. Wenn es, wie man ja weiß, aber andere Leute gibt, die rechts der jeweils eigenen Position stehen, dann muss das daran liegen, dass es ein Problem mit deren moralischem Denken und Abwägen gibt. Das Sympathieparadox reißt damit eine zentrale Errungenschaft moderner Politik wieder ein. Eine Errungenschaft, nach der politische GegnerInnen nicht als Feinde gelten und vor allem nicht entlang moralischer Kriterien verurteilt werden. Moderne Politik und moderne politische Auseinandersetzung basiert ja auf der Annahme, dass andere Meinungen möglich sind und, dass es grundsätzlich nicht schlecht ist, für ein politisches System sowie für eine politische Debatte, wenn es anderen Auffassungen gibt, von denen man annehmen kann, dass sie nicht moralisch zu verurteilen sind. Das ändert nichts daran, dass es politische Auffassungen, politische Optionen geben wird, die aus moralischen Gründen nicht verhandelbar sind. Im Rahmen des sympathieparadoxen Denkens fällt diese Differenzierung – sofern es um den Blick nach rechts geht – in sich zusammen, es gibt nur noch die eine allgemeine Grenze der Inakzeptabilität, deren Diskussion nicht zur Debatte steht. Nach links geht dann ein ängstlicher Blick, man wähnt sich in einem Tugendwettbewerb des Linksseins, den es tunlichst nicht zu verlieren gilt. Das führt immer wieder dazu, dass eigentlich notwendige Fragen nicht gestellt werden oder an einer normativ-ästhetischen Plattform abprallen. Auch daraus resultiert immer wieder einer unzureichend ausgebildete Sprechfähigkeit.
  3. Rechte Theoretiker haben das schon lange gewusst und arbeiten gerne damit. Derart gerne, dass der Tugendvorwurf zu einer rechten Argumentationsfigur im politischen Handgemenge geworden ist.** Arnold Gehlen hat schon vor fast fünfzig Jahren vom Hypermoralismus linker Intellektueller gesprochen. Er beklagte einen Humanitarismus, der das Ethos der Institutionen aufhebe; Institutionen sind bei ihm, das Mängelwesen Mensch entlastende, fast schon anthropologische Konstanten, die durch ihren Erfolg (der für Gehlen hauptsächlich in der Unterdrückung von anthropologisch gegebener Aggressivität zu bestehen scheint) legitimiert werden. Diese Quasinaturalisierung von Institutionen erstreckt sich bei Gehlen auch auf solche des Staates und der Politik (Gehlens Institutionen erinnern damit an Giddensche Strukturen, die allerdings anders als bei Giddens mit Pathos angereichert sind). Das ist alles in allem eine zutiefst konservative, status quo affirmierende Lehre, die sich gegen den Anspruch einer Linken, Gesellschaft umbauen zu wollen und zu können, stellt. Aus diesem Grund finden Rechte Gehlens Schriften toll, insbesondere seinen Hypermoralvorwurf. Teile von Gehlens Institutionenlehre hatten Einfluss auf Luhmanns Systemtheorie, vielleicht insofern, als mitunter die systemtheoretisch Funktionssysteme heißenden gesellschaftlichen Handlungsfelder in ihren Abgrenzungen untereinander als allzu nichtkontingent erscheinen.***
  4. Die konservative Provenienz und rechte Aneignung von Gehlens Hypermoralthese lassen es wiederum unwahrscheinlich erscheinen, dass eine linke Diskussion sich mit ihr beschäftigen wird. Insofern kann die Hypermoralthese zu einem Baustein der Unmöglichkeit linker Selbstbeobachtung werden, weil aus einer dezidiert linken Perspektive das Problem, das mit einem Unvermögen von Selbstbeobachtung einhergeht, nicht sichtbar ist. Erst strategische Selbstpositionierung würde zeigen, dass man Selbstbeobachtung braucht, aber strategische Positionierung ist ja schon jenseits der moralischen Schwelle von Gut und Böse. Wer sich strategisch positioniert, verletzt aus linker Perspektive die Moral und gibt Essentielles zugunsten politischer Vorteile oder gar um den Macht willen auf. Entsprechend waren die Reaktionen auf Nassehis Text. Ein sich selbst Linksideologe nennender Twitteraccount sprach von liberaler Salbaderei, liberal ist dabei selbstverständlich als Schimpfwort gemeint. Viele waren einfach empört, wie komme Nassehi bloß dazu, zu behaupten, dass es eine Linke nicht brauche. Stefan Lessenich, als Münchner Soziologe ein Kollege Nassehis warf Nassehi vor, dass man doch nicht sagen könne, dass es eine Linke nicht mehr bräuchte, wenn es doch noch so viel Ungleichheit und Ungerechtigkeit in der Welt gibt. Lessenich hat sich damit dafür entschieden, auf Nassehis etwas grobklotzig betitelten Text nicht so sehr soziologisch, sondern auf Überschriftenebene politisch zu reagieren. Zu holzschnittartig sei Nassehis Titulierung der Linken als Monolith, Nassehis Text ist für ihn von daher nichts anderes als Teil eines rechten Angriffsszenarios gegen alles Linke. Man kann sich nur schwer des Eindrucks erwehren, dass Lessenich hier weniger in seiner Rolle als Soziologe, als vielmehr als Mitbegründer einer neuen Partei antwortet, die für sich beansprucht, linken Exgrünen, eine neue politische Heimat zu geben.
  5. Dabei käme es doch darauf an, aus Nassehis Text diejenigen Bestandteile zu extrahieren, die bei der politischen Selbstreflexion hilfreich sind. Spätestens dann kommt man mitten in einer Populismusdebatte an. Denn wenn es stimmt, dass Populismus primär durch seinen Antipluralismus ausgemacht wird, und eine Haltung, die rechts des eigenen politischen Standortes eigentlich nichts Akzeptables ausmachen kann, antipluralistisch ist, dann wären diejenigen Teile der Linken, die unter Nassehis Verdikt fallen, als populistisch zu bezeichnen. Man müsste dann allerdings einigen Aufwand betreiben, zu verhindern, dass aus einem politikwissenschaftlichen Antipopulismus ein Wiedergänger der unseligen Totalitarismustheorie wird. Das ließe sich machen, wenn man die Grenze von populistischer und nichtpopulistischer Politik empirisch fein genug ausarbeitet und dabei definiert, was einen Politiker, der Auffassungen Anderer für falsch hält, von einem Populisten, der Auffassungen anderer als illegitim erachtet, unterscheidet, auch und gerade dann, wenn sich beide zustimmungsheischenden Geredes bedienen.Für eine linke und auch ökologische Selbstbeschreibungsdebatte rührt daraus die Aufgabenstellung, wie man mit Auffassungen umgeht, die Sachbezogenes wie ökologische Zusammenhänge, die Umwelt beeinträchtigenden Stoffströme etc. politisch ignorieren möchten, z. B. um nichtnachhaltige soziotechnische Arrangements noch etwas länger aufrechterhalten zu können. Ist gegenüber solchen Leuten ein Ökoautoritarismus, wie er sich in einigen Ländern Asiens unter dem Markennamen Tough Government abzeichnet, legitim? Ich meine nicht, bin aber nicht sicher, ob es nicht doch nennenswerte Fraktionen in der ökologischen Linken gibt, die das anders sehen. Da steht noch eine spannende Diskussion bevor.

 

* Für konservative und rechte Politik ist es insofern ein vielversprechendes Projekt, Politikfelder zu besetzen, in denen die Linke aus dem genannten Grund platitüdengeneigt oder gar nicht sprechfähig ist. Linke Platitüden erlauben es wiederum Rechten, rechte Politikmuster erfolgversprechend zu kommunizieren, obwohl ihnen intellektuelle und sachliche Substanz fehlt.

**Ich verzichte hier vorsätzlich auf eine Angabe von Quellen. Eine kurze Google-Recherche nach dem Suchbegriff Hypermoral wird zeigen, wodurch mein Verzicht motiviert ist.

*** Eine linke Kritik systemtheoretischen Denkens beklagt dann auch regelmäßig das Starre und Kybernetische der Systemtheorie und bewertet sie deshalb als eine Affirmationstheorie. Leider lässt das für Viele Linke eine Befassung mit Luhmanns Systemtheorie überflüssig erscheinen.

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