Was kommen könnte. Ein paar lektüreinduzierte Gedanken zu posthumaner Gesellschaftlichkeit

In den letzten Wochen habe ich mich weiter in posthumanen Science Fiction eingelesen, motiviert von dem Wunsch, von Ideen zu lesen, wie Gesellschaft nach den Menschen sein könnte. Bereits jetzt verändert sich Gesellschaft, weil wir es immer mehr mit nichtmenschlichen Akteuren oder Quasiakteuren zu tun bekommen. Viren, Algorithmen, Künstliche Intelligenzen; all das verändert, wie wir als Gesellschaft miteinander interagieren, manches davon agiert selbst oder erweckt zumindest den Anschein von Handeln. Mir ging es diesmal dabei nicht um den wie auch immer Neuen Menschen, auch nicht um das Anthropozän, das man hier und da als posthumanes Zeitalter beschrieben sieht, vielmehr interessierte mich bei dieser Lektüre, wie Autor*innen heute darauf blicken was kommen kann. Gelesen habe ich mit diesem Auge Anne Leckies Ancillary Justice Zyklus, den ersten Band von MarthaWells´ Murderbot Bänden und bisher eineinhalb Bände aus  Ken Mc Leods Corporation Wars Zyklus. Nicht alles davon spielt in unserer Zukunft, Leckies Bände jedenfalls sind ganz woanders situiert, aber alles davon öffnet wichtige Blickwinkel, wie es weitergehen könnte, aber nicht sollte.

Leckies Zyklus spielt in einer imperial organisierten Galaxis in der eine geschlechtslose, militaristische Zivilisation dominiert. Diese Leute haben sich angewöhnt, Planeten zu überfallen, dort angetroffene Intelligenzen in ihr Imperium zu organisieren und Soldaten zu rekrutieren, indem sie Individuen zombifizieren, um damit ihre Armeen zu bestücken. Diese dann fremdbestimmten ausführenden Soldaten werden von einem Offizierscorps geführt, dass der imperialen Zivilisation entstammt. Diese ist in patrizischen Familien organisiert, man sammelt manchmal Kultrugüter, archäologische Artefakte und man trinkt Tee, Tee ist wichtig. Mindesten einer der kolonisierten Planeten ist als Teeplanet unterworfen worden. Es gibt eine Regierungsfigur, die allerdings keine Person ist, sondern mehrere Klone, die ein Person an verschiedenen Orten verkörpern sollen.

Hauptfigur ist eine künstliche Intelligenz, die früher zentrale KI eines Kampfraumschiffes war nunmehr aber nur noch einen zombifizierten Körper bewohnt. Deshalb weiß die KI sehr viel und kann auf Erfahrungen zurückblicken, die von tausenden gesammelt worden sind. Die Ereignisgeschichte entwickelt sich, weil unter den klonierten Herrscherfiguren Meinungsverschiedenheiten darüber ausbrechen, ob das zombifizieren von Unterworfenen ethtisch vertretbar ist. Unterschiedliche Exemplare der Herrscherfigur entwickeln dazu unterschiedliche Auffassungen und verborgenen politischen Streit, der mittels dann im Ergebnis einander widerstreitenden Anordnungen ausgetragen wird. Lange Zeit wird der Streit nicht offengelegt. Leckie beschreibt über die drei Bände die Politikgeschichte dieser Konstellation aus Sicht der vormaligen Raumschiff-KI und das gelingt ihr sehr gut.

Wells setzt anders an. Ihre Erzählung spielt in einer menschlichen Zukunft. Sie beschreibt aus Sicht eines Kampfroboters wie eine kleine Planetenexplorationsexpedition auf einem Planeten mit noch ungeklärten Eigentumsverhältnissen auf kriminelle Machenschaften anderer unbekannter Explorateure stößt. Der Kampfroboter wird liebevoll Murderbot genannt, seine Aufgabe ist es die Mitglieder der Expedition auch proaktiv zu beschützen ggf. Bedrohungen zu beseitigen. Obwohl ein Kampfroboter, verfügt das Gerät über basale ethische Subroutinen und kann reflektieren, wann es statthaft ist zuzuschlagen und wann anderen Handlungsoptionen ein Vorzug zu gewähren ist. Walsh beschreibt die Interaktion von Menschen und Robotern sehr dicht, fast mikrosoziologisch beobachtend. Sie schreibt über die Schwierigkeiten, die dem Roboter Smalltalksituationen mit Menschen bereiten, wie er liebe manchmal einfach abgeschaltet wäre, diesen Gefallen aber aus Erwägungen der Menschen um sich nicht gewährt bekommt. Das alles ist eine sehr gelungene Beschreibung posthumaner Sozialität, eines Sozialen aus Menschen und Maschinen und unterschiedlichen Typen künstlicher Intelligenzen.

McLeod schließlich interessiert sich eher wieder für das große Ganze. Was er beschreibt, könnte unsere Zukunft sein. Auf irgendeinem Mond im Orbit eines habitablen Planeten kommt es bei einem Zusammentreffen zweier Explorationsroboter zweier unterschiedlicher Explorationsfirmen zu einer Entdeckung von Eigeninteressen. Auch hier waren die Eigentumsverhältnisse des Mondes noch ungeklärt, beide Roboter versuchten auf die Legalware ihrer Firmen zurückzugreifen, merkten dabei aber dass sie nicht weiterkamen und ihre Zentralen ihnen jeweils anordneten, den anderen zu eliminieren. Als sie sahen, dass der andere in genau der gleichen Situation war, begannen sie miteinander zu verhandeln. Was dazu führte, dass sie sich zusammentaten, andere Roboter fanden und einen Roboteraufstand begannen. Die Firmen, denen sie gehört hatten schickten daraufhin andere Maschinen, in die vormaligen Kriegsveteranen hochgeladen waren, um die aufständischen Roboter auszuschalten. Das gelingt nicht.

Der historische Vorlauf der Geschichte ist ein weltumspannender Krieg zwischen Akzelerationisten (Axe) und Reaktionären (Rax) der sich im späten 21. Jahrhundert ereignet haben soll. Niemand hatte diesen Krieg wirklich gewonnen, die nationalstaatlich verfasste Staatenwelt brach im Zuge dieses Krieges zusammen und wurde durch eine postnationale Ordnung ersetzt, die im Bündnis mit Axe Rax niedergerungen hatte.

Damit drei völlig unterschiedliche Perspektiven eine wenn man die Analogien nur genug strapaziert historische bei Leckie, eine soziologische bei Walsh und eine im weiteren Sinne marxististisch politikwissenschaftliche bei McLeod. Leckie interessiert sich tatsächlich für die langen Zeitlinien ihrer imperialen Geschlechtslosen, auch wie sie in ihre eigenen zivilisatorischen Vergangenheit schauen und wie sie sich im Jetzt des Textes verändern. Welche Disruptionen semantischer und prozessualer Art mit dem Auftreten unterschiedlicher Instanzen einunderselben autoritären Herrscherfigur einhergehen und wie Subalterne damit umgehen. Teil der Geschichte ist auch, wie nach und nach diese Konstellation offenbar wird. Beliebt wurden Leckies Bände wegen der geschlechtslosen Figuren, weil es ihr tatsächlich gelingt, Geschlechtlichkeit aus dem, was da passiert komplett zu eliminieren. Interessant ist auch, wie sich unter den Angehörigen der Herrscherzivilisation etwas wie Politik entfaltet, eine Politik allerdings, die unserer nicht ähnelt, weil das, was wir Wirtschaft nennen, keine Rolle spielt. Auch Eigentumsverhältnisse oder Geld  sind diesen Leuten ein Nebenaspekt.

Die Welt bei Wells ist dann aber eine kapitalistische. Die Exploration von Planeten ist privat organisiert, die Expeditionen privat finanziert. Politik taucht im ersten Band nur im Zusammenhang unterschiedlicher Vorstellungen darüber auf, ob Menschen Robotern Rechte zuerkennen wollen oder nicht. Politik ist aber – wie gesagt – auch gar nicht ihr Thema, weil sie sich für die Soziologie von Menschen mit Nichtmenschen interessiert.

Umso mehr ist Politik bei McLeod das Thema. Eine marxistisch perspektisierte Politik, die sich wenig für Kultur und umso mehr für Eigentumsverhältnisse interessiert. Das ist ein bisschen der Geist eines traditionellen Marxismus, folgerichtig ist, dass er Märkte betreffend gar nicht so unspannende Ideen hat, die spannend wären, wenn er sie weiterverfolgen würde. Besonders gilt das für seine Idee, den Kapitalismus zu virtualisieren, ihn sich in Simulationen austoben zu lassen, wo er so richtig ungehemmt sein darf. Allerdings, leider macht er damit nichts, er sagt nichts dazu welche Konsequenzen daraus außerhalb der Simulationen resultieren. Dass die eine Seite des Weltkrieges des späten 21. Jahrhunderts Akzelerationisten heißt, ist eine lustige Idee, denn Akzelerationismus gibt es schließlich jetzt schon. Dabei handelt es sich um eine vergleichsweise junge Variante orthodoxen Kadermarxismus, der versucht, an die postmodernere sog Neue Linke anzuschließen, aber wieder stärker in Strukturen und weniger in Bewegungen denkt. Kurz gesagt war die Idee des Akzelerationismus den Kapitalismus durch seine Beschleunigung dazu zu bringen sich an seinen Widersprüchen zu verschlucken. Mehr oder weniger folgerichtig waren die realen Akzelerationisten insbesondere Nick Snircek einer der Coautoren des sog Akzelerationistischen Manifests  glühende Corbynisten und der Meinung mit der Labour Party unter Corbyn ein Vehikel für ihre Ideen gefunden zu haben. Gelungen ist das nicht, mit dem Verschwinden von Corbyn ist es auch um sie etwas stiller geworden. Aber, ausgemacht, dass solch ein Weltbürgerkrieg am Ende dieses Jahrhunderts nicht kommt, ist ja nicht.

Interessant auch bei McLeod scheint die Differenz zum gleichermaßen marxistischen Dietmar Dath, der sich aber von McLeod durch seine leninistische Orientierung absetzt. In Neptunation verlängert Dath die inneren Friktionen einer leninistischen Kaderpartei in den Asteroidengürtelt, indem er 1989 ein sowjetisch ddr-deutsches Raumschiff zum Neptun starten lässt, aber das ist ein anderes Buch.

Literarisch ist McLeod für mich der schwächste der drei hier andiskutierten Autor*innen. Seine Charaktere sind oberflächlicher, ihre inneren Dynamiken sind weit unterkomplexer und charaktermaskenhafter als die für uns ja noch weit fremdartigeren Protagonist*innen bei Leckie und Walsh. Dennoch ist insbesondere Leckies KI die weitaus interessantere Figur. Auch die Politik ist bei McLeod letztlich holzschnittartiger berechenbarer, wie auch der Bauplan seiner Bücher, seine Stärke liegt eher im Beschreiben des Technischen. Dafür setzt er deutlich was ein. Letztlich aber entsteht durch die Lektüre der drei ein durchaus runder Vorstellungshorizont.

Kommentare sind geschlossen.