Angewandte Geologie. Wie die Debatten über ein Anthropozän und Transformative Wissenschaft zusammenhängen

Die wissenschaftliche Gemeinschaft der Geolog*innen hat sich daran gemacht, zu klären, ob die Nomenklatur der Erdzeitalter um ein weiteres, das Anthropozän erweitert werden muss. Das Anthropozän wäre das Erdzeitalter, das von menschlichem Einfluss geprägt ist, ausgemacht werden dürfte es durch veränderte Fossilienablagerungen (durch Säugetierausrottung oder Tierhaltung), veränderte Sedimente, Plastik in Sedimenten, Bergbauaushub etc. Unklar ist noch, ob das Anthropozän dann ein Teil des Holozäns wäre, oder ob das Holozän (das ja ursprünglich nur eine Zwischeneiszeit hätte sein sollen, zur Gänze in Anthropozän umbenannt werden soll), schließlich wäre das Holozän ja auch die einzige vormalige Zwischeneiszeit, der der Status eines Erdzeitalters zuerkannt worden ist, eben wegen ihres Menschenbezuges. Ob das Anthropozän nun wirklich ein in geologischem Sinne neues Zeitalter ausmacht, kann die geologische noch nicht und ich erst recht nicht beurteilen, das ist – wenn man so will – eine innergeolologische Frage, die in den kommenden Jahren zu klären sein wird. Mich interessiert hier vielmehr, wie mit welchen Argumenten diese Debatte geführt wird und woher eigentlich Widerstand gegen die Einführung eines Anthropozäns kommt.

Am wenigsten interessieren mich hier diejenigen Argumentationen, die gegen das Anthropozänkonzept mit den gleichen Argumenten angehen, wie gegen die These eines menschengemachten Klimawandels. Mich interessieren hier nur diejenigen Argumentationen, die zumindest insofern ihrem Eigenanspruch gerecht werden, als sie sich in Grenzen seriösen wissenschaftlichen Argumentierens und intellektueller Redlichkeit bewegen. Was gibt es nun dort? Auf Seiten der innergeologischen Argumente steht da zunächst die Behauptung, ein etwaiges Anthropozän sei schlicht noch zu kurz, um als ein geologisches Zeitalter gelten zu können, wie man es auch zeitlich denen wolle, sagen einige Kritiker, auf mehr als 500 Jahre könne man ein Anthropozän nicht strecken, eine so kurze Zeit sei schlicht ungeologisch. Ferner gibt es das Argument, eine menschenbeeinflusste Sedimentschicht sei derzeit bestenfalls ein mm stark. Andere Argumente beziehen sich darauf, dass längst nicht die gesamte Landfläche vom Menschen umgestaltet sei, oder dass die biologische Masse der Menschen immer noch nicht größer sei als die von Insekten und/oder Mikroben. Die ernstzunehmenden innergeologischen Argumentationen haben zumeist etwas mit disziplinären Reinheitsvorstellungen zu tun, da wird die mangelnde Präzision des Konzeptes Anthropozän, sein Ausfransen moniert. Es wird gesagt, das Anthropozän sei gar keine geologische Entdeckung, ja es sei gar kein geologisches, sondern ein politisches, gesellschaftskritisches, sonstiges  Konzept.

Dahinter steht nicht selten ein Wunsch oder eine Vorstellung, doch bitte ungestört, Geologie treiben zu können, mit Sozialem, Politik, ökonomischen Fragen wolle man dabei nichts zu tun haben. Christian Schwägerl hat darauf hingewiesen, dass diese Vorstellung seit langem schon eine Fiktion ist, schließlich sei Geologie keine freischwebende Wissenschaft, sondern auch die maßgebliche Betriebswissenschaft der Bergbauindustrie. Die Geologie habe sich, was ihre Ausbildungswege angeht, einem extraktivistischen Konzept verschrieben und ist damit, wie Schwägerl Helga Nowotny zitierend sagt, zu einer der Grundlagenwissenschaften der Industriemoderne geworden. Handeln von Geologen greift in Natur- und Sozialkreisläufe ein und verändert das Leben von menschlichen Gemeinschaften überall auf dem Globus. In Zeiten engerwerdender sozialer Kopplungen zwischen Politik, Wissenschaft und Wirtschaft das Eigene und Reine der Disziplinen zu beschwören sei zwar eine verständliche Regung sagt Schwägerl, weiterführen tue das aber nicht, weil es die Frage, ob die Geologie Baustein einer industriemodernistischen Vergangenheit oder einer nachhaltigen Zukunft sein will, verstelle.

Außerhalb der Geologie werden noch ganz andere Fragen an die Anthropozändebatte gestellt. Fragen wie die, ob das Anthropozän ein geeignetes Beschreibungsmodell globalen Wandels bereitstelle, oder doch eher die Verantwortlichkeit des Kapitalismus verschleiere. Die Kritik lautet, der Anthropozändiskurs würde die gesamte Menschheit verantwortlich machen, dabei sei es doch nur eine Minderheit der Menschen, die für den Kapitalismus in der realexistierenden Form verantwortlich zeichne. Die Extraktion fossiler Rohstoffe sei keine anthropologische Konstante, sondern Handlungsorientierung europäischer Kapitalisten lautet das Argument. Wer einem Anthropozän das Wort rede, der generalisiere menschliches Handeln in ganz unzulässiger Weise. Der Wirtschaftshistoriker Andreas Malm will diesen Zusammenhang mit der Beobachtung illustrieren, dass britische Kolonisatoren in Indien Kohle entdeckt hätten und dann entdeckt hätten, dass die Inder*innen davon gewusst hätten, daran aber desinteressiert gewesen seien. Er will damit zeigen, dass Extraktivismus und Kohleverbrennen keine anthropologischen Konstanten sind, belegt damit aber letztlich nur, dass das Vorhandensein von Kohlevorkommen keine hinreichende Bedingung für Kohleabbau und Industrialisierung ist.

Zunächst einmal ist also die Behauptung, fossile Energieerzeugung sei keine anthropologische Gegebenheit, aller Wahrscheinlichkeit nach eine Plattitüde, und erst recht kein Argument gegen das Anthropozän. Dies gilt umso mehr, weil die Motivationen, ein Erdzeitalter Anthropozän installieren zu wollen, schon immer vielfältiger waren und sind. Es ging dabei um sowjetmarxistischen Fortschrittsoptimismus (Umleiten sibirischer Ströme nach Zentralasien etc.) bei Pavlow einem russischen Geologen und Erstverwender des Begriffs (1922) und dann ab 2002, als die zeitgenössische Anthropozändebatte ihren Anfang hatte, um Umweltorientierungen, genauer um die Frage, wie man menschengemachte Umweltveränderung wissenschaftlich angemessen thematisieren kann. Damit zeigt schon die Begriffsgeschichte des Anthropozäns, wie sich der Blick auf globale Umweltveränderung wandeln kann. Was den Sowjetmarxisten der 1920er Jahre eine soziale Utopie war, ist heute für eine Vielzahl verschiedenster Wissenschaftler*innen ein überspannender Problemhorizont.

Und hier stellen sich dann auch die interessantesten Fragen der Anthropozändebatte. So zum Beispiel die Frage, wie sich ein disziplinengegliedertes Wissenschaftssystem dazu stellen soll, dass es immer mehr interdependente Umweltphänomene gibt, die die Grenzen von Disziplinen (als Verweisungszusammenhängen von Relevanz) sprengen. Geolog*innen haben mit ihrem Tun für Umweltveränderungen gesorgt, die sie als Geolog*innen irrelevant finden, und so geht es allen andern ja auch. Soziolog*innen wollen Soziales nur durch Soziales erklären, Ökonom*innen bringen stofflichen Konsequenzen ökonomischer Transformation lange Jahre nichts als Desinteresse entgegen. Das ist oft nicht falsch in objektivem Sinne, wahrscheinlich sogar nötig, um Begrifflichkeiten zu schärfen, führt aber stets dazu, Herausfallendes zu vernachlässigen. Dessen muss man sich stets bewusst seit und gegebenenfalls gegensteuern. Für die Soziologie z. B. lässt sich gut zeigen, wie das stete „Esoterischerwerden“ soziologischer Großtheorien* ein Gegensteuern in Hinblick auf das Nachdenken über Dingliches nötig machte. Für andere Disziplinen werden sich ähnliche Nachweise anführen lassen. Das alles ist Anlass, dass das Wissenschaftssystem als ganzes seine Grund- und Eigenlogiken auf den Prüfstand stellen muss. Deutlich wird damit, die Anthropozändebatte ist weit mehr als eine innergeologische Debatte, es geht vielmehr darum wie wir Wissensordnung und Nachhaltigkeitsanspruch miteinander in Bezug setzen können. Und an genau dieser Stelle liegt ihre Verbindung mit der Debatte über transformative Wissenschaft. Genau wie bei dieser Debatte, wird es darum gehen, wie Veränderungsansprüche an die Wissenschaft herangetragen werden, und wer sie wohlwollend oder weniger wohlwollend aufnimmt.

Wissenschaftsorganisationen und Universitäten werden eine entscheidende Rolle dabei spielen, wie sich die disziplinären Communities verhalten werden. Immer dann, wenn ihnen externe Ansprüche als betriebswirtschaftlich begründete organisationale Zumutungen oder politische Übergriffigkeiten erscheinen werden, werden sie sich auf ihre vermeintlichen Eigentlichkeiten zurückziehen und sich in disziplinäre und soziale Konservatismen flüchten. An genau dieser Stelle liegt das Hauptargument für die Notwendigkeit neuer Demokratieformen im Wissenschaftssystem.

 

 

*An dessen Ende eine Systemtheorie stand, die weder Dinge noch Akteure kennt.

 

 

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