Beauty and the Ballot. Was sich zum Zusammenhang von KandidatInnaussehen und Wahlchancen sagen lässt

In der FAS gibt es im Wirtschaftsteil eine Rubrik, die Sonntagsökonom genannt wird. Schreibanlass für Texte dieser Rubrik sind eigentlich immer von Ökonomen verfasste Papers oder Zeitschriftenaufsätze. Da gibt es manchmal luzide, manchmal überraschende, manchmal überraschend dumme Beobachtungen zu lesen. Was da am 21. Mai zu lesen war gehört zur dritten Kategorie, nicht so sehr wegen der dort zitierten Papers, sondern eher wegen der journalistischen Aufbereitung. Der Autor (Philip Plickert), der sich neben seiner Tätigkeit als FAZ-Wirtschaftsredakteur gerne im rechten Segment des medialen Kosmos betätigt (Tichy’s Einblick, eigentümlich frei) hatte sich Texte vorgenommen, die sich mit dem Zusammenhang von gutem Aussehen und Wahlchancen befassen.

Eine Forschungsgruppe um Douglas Ahler Postdoc vom Center for the Study of Democratic Institutions der Vanderbilt University in Nashville (in Berkeley promoviert) und ein Forschungsteam um Niclas Beggren vom Institut für Industrieökonomik der Universität Stockholm haben sich mit der Frage befasst, inwiefern wahrgenommene Attraktivität von PolitikerInnen deren Wahlchancen beeinflusst.*

Ahler und seine Mitautoren sind dabei aus Perspektive der politischen Psychologie zu dem Ergebnis gekommen, dass gutes Aussehen die Wahlchancen erhöht, bei schlecht informierten WählerInnen und bei WählerInnen, die über die KandidatInnen wenig wissen. Bei Vorauswahlen insbesondere regionalen, bei denen kaum jemand irgendwas über die KandidatInnen weiß, lassen sich auch sonst gut informierte WählerInnen vom Aussehen beeinflussen. Dieser Effekt nahm ab, wenn es um Wahlen auf nationaler Ebene geht. Ahler et al. setzen sich im hinteren Teil des Papieres noch mit dem Problem auseinander, dass WählerInnen bewusst ist, dass Aussehen von KandidatInnen keine Rolle spielen sollte, aus Perspektive einer politischen Psychologie leuchtet das Papier dieses Dilemma aus (ohne, dass das den Sonntagsökonomen der FAS in irgendeinder Weise interessiert hätte, schließlich waren das ja auch psychologische, nicht ökonomische Fragen).

Das schwedisch/finnische Team geht anders vor und hatte auch etwas andere Fragen, sie haben auch mehr gerechnet. Datenbasis war ein Websurvey über das Aussehen finnischer PolitikerInnen: 2513 Befragte hatten 1929 PolitikerInnenportraitfotos in Augenschein genommen. Das Forschungsteam fand eine Asymmetrie zwischen konservativen und eher sozialdemokratischen KandidatInnen. Konservative PolitikerInnen, meinten sie, sähen besser aus und zum zweiten zahle sich gutes Aussehen für konservative KandidatInnen zudem auch noch besser aus. Attraktivitätswahrnehmung und Konpetenzzuschreibung würden miteinander korrelieren, befand das skandinavische Forschungsteam weiter. Ähnlich wie die politischen Psychologen aus Nashville hat das skandinavische Forschungsteam zuächst die Unterscheidung zwischen low und high information elections getroffen.

Erstaunlich ist nun die Begründung, die die ÖkonomInnen für das Eintreten der konstatierten Effekte anführen. Eine erste These ist, dass gutaussehende KandidatInnen sich die Partei aussuchen würden, in der gutes Aussehen mehr zählt. Dies ist eine Einschätzung, die auf den Urvater der Attraktivitätsforschung David Hamermesh (insbesondere das Hamermesh/Bidle Paper von 1994) zurückgeht, von diesen allerdings mit Blick auf Berufsfindung entwickelt worden ist.

Berggren und Kollegen meinten weiter, weil besser aussehende Menschen bessere Einkommen erzielen würden, würden die WählerInnen annehmen, dass sie gesellschaftlicher Umverteilung von Einkommen kritischer gegenüberstehen, und ihnen demzufolge, wenn sie konservativ oder wirtschaftsliberal sind, ihre Stimme geben. Zudem spekulierten Berggren e. a, weil schöne Menschen besser behandelt werden würden, würden konservative WählerInnen glauben, dass sie die Welt weniger radikal verändern wollen würden, nicht so Schöne hingegen, würden die Welt ja wohl ungerechter und deshalb veränderungsbedürftiger finden. Aus diesem Grund fühlten sich Konservative zu besser Aussehenden elektoral hingezogen.

Ein weiterer Grund könnte sein, dass aus Sicht von Konservativen Besseraussehende als religiöser gelten. Und schließlich führen Beggren und Mitautoren noch die Möglichkeit neurocoginitiver Gründe für die beobachtete Differenz zwischen konservativen und linkeren WählerInnen an. Sie docken damit an Diskurse an, die sich mit der Frage beschäftigten ob es so etwas wie konservative und liberale, linke Mindsets gibt.

Im Conklusionskapitel vertreten Berggren e. a. die Auffassung, ihre Forschungsresultate würden ein besseres Verständnis davon vermitteln, wie Politik tatsächlich abläuft (de facto works), denn, wenn man wüsste, dass WählerInnen eher gutaussehende KandidatInnen wählen, dann wüsste man ja, welche KandidatInnen bessere Wahlchancen haben. Als weitere denkbare politische Konsequenz führen die Autoren an, dass PolitikerInnen geneigt sein könnten Politiken zu verfolgen, die sich weniger an diejenigen richten, die Aussehen der KandidatInnen wahlentscheidend machten und sich deshalb das politische Spektrum als ganzes verschieben könnte. Zum dritten meinen die Autoren, dass ihre Forschung Aufschlüsse dahingehend erlaube, wie Emotionen in der Politik eine Rolle spielen können, Demokraten in den USA würden, meinen sie, zu emotionsloseren Politikmustern neigen.**

Das ist alles sehr interessant, sagt aber auch, meine ich, mehr über die Forschenden als den Forschungsgegenstand aus. Zunächst einmal überrascht die Überraschtheit der Ökonomen, den Schönheitsbias vornehmlich rechts der Mitte anzutreffen. Ihre Erklärungen dafür überraschen dann aber fast noch mehr, sind aber wiederum leicht zu erklären, wenn man in Betracht zieht, dass die ökonomische PolitikerInnenschönheitsforschung eine Variante der Arbeitsmarkforschung ist. Dort ging es länger schon um die Frage, wie Aussehen Einkommen beeinflusst. Diese Erklärung erklärt auch das Desinteresse, dass die betreffenden von Ökonomen verfasseten Arbeiten in Bezug auf Politikinhalte eint. Das ließ sie alle die Möglichkeit außer Acht lassen, dass konservative WählerInnen eventuell deshalb Aussehen höher gewichten, weil sie sich weniger für Politikinhalte, also das wofür die KandidatInnen politisch stehen, interessieren.

Erstaunlich finde ich auch, dass die Volkswirte keinen Hinweis auf eine Geschlechterdifferenz bei der Verbindung von Kompetenzzuschreibung und Aussehen gefunden haben. Aus Hamermesh berühmter Beauty in the Classroom-Studie von 2003 ist bekannt, dass Studierende bei männlichen Lehrenden eine Verknüpfung von Kompetenz- und Attraktivitätszuschreibung vornehmen, bei weiblichen jedoch deutlich weniger. Mich würde es sehr wundern, wenn dieser Effekt in der Politik nicht auch zu beobachten wäre, mithin auch dort Frauen in geringerem Umfang von Attraktivitätszuschreibung profitieren.

Vor dem Hintergrund, dass Politik immer mehr als Distributon oder Redistribution von Ressourcen ist (was für den einen oder anderen in der Volkswirtschaftslehre Tätigen offenbar nicht so ganz einsichtig ist) ist die zu Anfang zitierte (vom Sonntagsökonomen Plickert eher mit gepflegtem Desinteresse gesehene) Arbeit von Ahler und KollegInnen interessanter. Fast noch interessanter als Ahlers Arbeit über PolitikerInnenaussehen scheinen mir aber bei näherem Hinsehen seine Arbeiten über political partisanship, sowie die Konstitution politischer Parteien und deren Wahrnehmungen durch WählerInnen (gemeinsam mit Gaurav Sood). Er geht dort der Frage nach, welches Bild WählerInnen in Bezug darauf haben, wie sich Parteien bilden und wie gespalten eigentlich das Elektorat ist. Dabei kommt zum Vorschein dass die WählerInnenwahrnehmungen in Bezug auf Parteibildung und ihre Charakteristiken in den USA deutlich extremer ist, als das in der Realität der Fall ist, RepublikanerwählerInnen z. B. glauben, dass mehr als 30 % der DemokratInnen LBGT-Leute sind, DemokratInnen im Gegenzug der Auffassung sind RepublikanerInnen würden zu mehr als 35 % 250.000 $ und mehr jährlich verdienen (beides ist unzutreffend, der LBGT-Anteil bei DemokratInnen liegt bei 6 %, der Anteil der RepublikanerInnen mit entsprechend hohem Einkommen bei zwei). Auch die Wahrnehmung der Unterschiedlichkeit konservativer resp. liberalerer WählerInnenpopulationen sind offenbar extremer, als das in der Realität der Fall ist. Vor diesem Hintergrund stellt sich die Frage, ob die in den USA so oft beklagte politische Segregation eigentlich in dieser Form Realität oder ob sie nicht zu nennenswertem Umfang ein Produkt des politischen System selbst und des insbesondere von republikanischen FunktionsträgerInnen vorangetriebenen Gerrymandering ist.

*Gelesen habe ich nicht die Zeitschriftenversion, die in der FAS angegeben wird (Journal of Public Economics 2017), sondern die online zugängliche sehr viel ältere IZA-Paper Version von 2011 (IZA Discussion Paper No. 5513).

** Nur aus Gründen der Vollständigkeit sei erwähnt, dass es noch eine epidemiologiepsychologische Erklärung für Chancenvorsprünge attraktiverer KandidatInnen gibt (die weder von Plickert noch von Berggren e. a. aufgeführt wird). Das Erklärungsraster hierfür besagt, dass in Wahlkreisen mit konkreten Krankheitsbedrohungen die Neigung, attrakktivere KandidatInnen zu wählen, steigt, weil diese gesünder aussähen. Dieser Erklärungszusammenhang ist allerdings empirisch nicht unbestritten.

 

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