Eine 90 Grad Achsverschiebung des Politischen?

Die Unterscheidung von Rechts und Links ist nun fast schon 250 Jahre alt. Entstanden ist sie in einer postagrarischen Metropolenenklave einer Agrargesellschaft und war ganz praktisch darauf bezogen, wie man es in einer Nationalversammlung mit dem König hielt, rechts vertraute man ihm, links obwaltete das Misstrauen. Vetrauen bedeutet, dass man die Möglichkeit, dass die Sache schiefgeht (die mit dem König) nicht in Betracht zieht. Immer wieder wird seit nun schon einiger Zeit behauptet, die Links-Rechts-Unterscheidung treffe nicht mehr zu, beschreibe nicht mehr in angemessener Weise die Realität etc. In einem Blogtext vor drei Monaten habe ich (etwas versteckt) ein Diskussionsangebot von Armin Nassehi aufgegriffen, das das zweipolige Modell durch einen dreipoligen Ansatz ergänzen will. Rechte sind diesem Vorschlag zufolge diejenigen, die gesellschaftliche Problemlösung in ethnischer Homogenität suchen, Linke diejenigen, die in Gesellschaftsumbau die größten Problemlösungspotentiale sehen, Konservative sehen Problemlösung primär in einem Zusammenbringen von Wollen und Sollen auf individueller Ebene. Nassehis Modell erklärt – so finde ich – einiges und gibt auch Antworten auf die Frage, ob man die Unterscheidung heute noch braucht.


Es gibt aber auch noch andere Angebote. In etwa von Steve Fuller. Fuller ist ein lebendiges Beispiel dafür, dass das wissenschaftliche Grandiose und das grandios Danebene oft nur durch einen schmalen Grat voneinander getrennt sind. Er hat frisch promoviert eine wichtige, notwendige Forschungsrichtung federführend mit-begründet: die Sozialepistemologie.* Dort wird nach epistemischen Auswirkungen sozialer Interaktionen gefragt. Er hat eine atemberaubende Textproduktion vorzuweisen, darunter sind viele sehr gute Texte, einige m. E. unverzichtbare Bücher und Aufsätze. Er hat einen Hang zu Vier-Felder-Matrices, die oft sehr instruktiv sind, sowie einen Hang zu diskursiver Theatralik, die aber immer außerordentlichst informiert ist. Leider hat er auch in einem wichtigen Gerichtsprozess in den USA für eine Schulbehörde ausgesagt, die Intelligent Design im Schulcurriculum verankern wollte.** In den letzten Jahren vertritt er transhumanistische Ideen und changiert zwischen Wissenschaft, Feuilleton und Unterhaltung für technophile Nerds.
Seit einigen Jahren vertritt er die These, dass es zu einer 90 Grad-Verschiebung der hergebrachten Links-Rechts-Achse gekommen sei. Links hätte in der Vergangenheit für die Auffassung gestanden, dass eine Zukunft offen und neuartig sein kann, Rechts hätte dafür gestanden, dass sie sich an der Vergangenheit orientieren müsse. Heute aber sei politische Legitimität anders zu bestimmen, die primäre Differenz liege in einem Bezug auf Risiko, ob man Risiko vermeiden wolle, um von den Menschen Schaden abzuwenden (precautionary principle) oder ob man das Risiko umarme, um die Vorteile des Neuen nutzen zu können (preactionary principle). Um das zu illustrieren, greift er auf eine mit den Termini upwinger und downwinger markierte Dichotomie zurück, die in den 1970er Jahren von dem iranischen Playboy/Diplomaten/Schriftsteller Fereidoun Esfandiary*** erfunden worden ist: upwinger sind danach diejenigen, die die Bestimmung der Menschheit darin sehen, über die Erde hinauszuwachsen, downwinger hingegen sehen die Menschheit auf immer mit der Erde verbunden, sagen, man habe keinen anderen Planeten und müsse diesen deshalb pfleglich behandeln. Hier schließt sich der Kreis zum Risiko. Aus dem Bekenntnis zum Upwingertum folgt, schon aus Praktikabilitätsgründen (denn wie sollte das sonst klappen mit der interstellaren Raumfahrt), dass Menschen durch genetische Veränderung oder den Einbau technischer Gadgets verbessert werden müssen. Klar ist, dass man das auch anders sehen kann, d. h. die Richtigkeit des proactionären Prinzips ist bei Fuller im Wesentlichen quasireligiös – man kann auch sagen metaphysisch – begründet.
Wissenschaftlicher Brückenkopf der Argumentation ist ein Aufsatz, der vor drei Jahren erschienen ist. Dort greift Fuller noch einmal den Entstehungskontext der Links-Rechts-Differenz auf und setzt sich gründlich mit den geistesgeschichtlichen Voraussetzungen**** dafür auseinander. Ferner geht er dort auf den Staatsbezug ein, für die beiden oben genannten Prinzipien ein, um sich dann der Achsverschiebung zuzuwenden. Im Rahmen dieser Achsverschiebung komme es zu einem Zusammengehen des kommunitären Elements der alten Linken mit dem bewahrenden der Rechten und zu einer Neuverschmelzung des Technokratischen Elementes der Linken mit dem Libertären Moment der Rechten. Proactionär ist das neue Links – meint Fuller – precautionär das neue Rechts. Um zu solche einem Ergebnis zu kommen, muss man die Prinzipien verabsolutieren ja karikieren und genau das tut Fuller.
Die wissenschaftliche Resonanz auf den Aufsatz war verhalten. Google Scholar weist z. Z. (Januar 2016) sieben Zitationen auf, nicht alle davon führen im Sinne dieses Textes weiter. Am spannendsten fand ich einen Aufsatz von Britt Holbrook und Adam Briggle, der sich der Frage der Prinzipienrelevanz in der Politik auf prinzipieller Ebene zuwandte. Das schon im Titel enthaltene Hauptargument lautete, dass Prinzipien keine allzuguten Ratgeber in der Politik seien. Man könne Prinzipien nicht absolut setzen, viel sinnvoller sei es, sie als Spectren in den politischen Entscheidungsprozess einfließen zu lassen. Zu keinem Zeitpunkt hätte ein hunderprozentig precautionäres Prinzip gegolten, dementsprechend könne auch kein hundertprozentig proactionäres Prinzip gelten. Ersteres hieße, jede neue Technik erst dann zuzulassen, wenn alle risikobezogenen Fragen beantwortet seien, Zweiteres hieße, jede Technik, koste es was es wolle, zu implementieren. Die Alternativen seien danach Verbleib in der Steinzeit oder technologische Apokalypse. Beides sei offenkundig Unsinn. Zudem seien die Prinzipien nicht losgelöst von Werten in politisches Entscheiden überführbar, je nach wertbezogenen Standort sei ein und die dieselbe Entscheidungsalternative entweder moralisch gesehen zu unterlassen (precautionär) oder moralisch geradezu geboten (proactionär).
Spannend an Fullers Vorschlag ist, dass er einen Risikobezug ins Zentrum seines ideologischen Achsenkonzeptes stellt. Das macht das Konzept aus einer science-policy-perspektive spannender als das dreipolige Modell Nassehis. Hinzu kommt, dass in Nassehis Modell der Staat fehlt und Wissenschaft nicht vorkommt. Das wär dann aber auch das, was es auf der Habenseite zu finden gibt. Auf der Sollseite – und das ist viel wichtiger – kommt zum Tragen, dass die Gegenüberstellung von precautionärem und proactionärem Prinzip schräg ist. Währen das precautionäre Prinzip gut diskutiert und politisch verankert ist, leidet das proactionäre Prinzip darunter, dass es ein gegen das precautionäre gerichtetes Trotzprojekt einer überschaubar großen intellektuellen Szene ist. Der Autor des proactionären Prinzips Max More ist derzeit Präsident und CEO eines Vereins, bei dem man seine Leiche cryogenisieren lassen kann. Der Text, in dem das Prinzip niedergelegt ist, ist eine Mischung aus nicht unvernünftigen Leitsätzen wie Innovationsfreiheit, Objektivität, Comprehensivness, Offenheit, Einfachheit, Priorisierungsvorschlägen etc… und Angriffen auf das precautionäre Prinzip: dieses nehme stets Worst-Case-Szenarien an, entziehe bestehenden Risiken die Aufmerksamkeit, nehme immer an, dass Regulierung segensreich wirke, ignoriere segensreiche Wirkungen neuer Technologien etc. Der Tenor ist, dass es Wissenschaft und Kreativität ersticke, tausend Blumen erst gar nicht wachsen lassen wollen würde. Das alles trifft – wie schon oben gesehen – nicht zu. Es ist deshalb schwer zu verstehen, warum jemand wie Steve Fuller sich auf einen derartigen Text stützt und darum eine Differenz konstruiert, die allein deshalb schon nicht Bestand haben kann, weil ihre achsiale Verankerung intellektuell derart schwach ausfällt.
Gäbe es nicht einen medialen Bedarf nach Alternativen der Links-Rechts-Differenz (und hätte Fuller nicht vor zehn Jahren so phantastische Sachen veröffentlicht), wäre all das vollkommen egal, nur leider gibt es diesen Bedarf und deshalb auch eine Resonanz, die sich rein epistemisch nicht erklären lässt, aber eben politisch und medientheoretisch. Die Frage, wie es mit Links und Rechts weitergeht braucht eine Antwort. Die Theoriebauaufgabe wäre es, vielleicht bei der oben genannten von Nassehi stammenden Dreipolstruktur anzusetzen und dort Staat und Wissenschaft einzubauen. Keine Lösung wäre es wohl, wie Fuller das tut, bei einer im wissenschaftlichen Diskurs praktisch nicht vorhandenen Spaltung anzusetzen und die einfach für das Politische zu behaupten.

* Fuller, Steve, 1987, “On Regulating What is Known: A Way to Social Epistemology”, Synthese, 73(1): 145–184, sowie die Monographie “Social Epistemology”, Indiana University Press 1988.
** Das sogenannte Darwin-Trial, auch bekannt als Kitzmiller et al. vs. Dover. Die Schuldistriktverwaltung wollte ein Textbuch „Of Pandas and People“ (kann man auf Wikipedia nachrecherchieren), das entlang der Intelligent-Design-Idee argumentierte, im Schulcurriculum verankern. Fullers Aussage besagte, dass Intelligent Design auch wissenschaftlich sei und sich diesbezüglich nicht von der Evolutionstheorie unterscheide. Der Prozess ging nicht im Sinne von ID aus.
*** Er nannte sich selbst Mitte der 1970er Jahre FM 2030. 1973 legte er sein theoretisches Hauptwerk „Up-Wingers a futurist Manifesto“ vor. Man kann den Text im Netz suchen und finden.
**** So z. B. mit Johannes Duns Scotus 1266-1308, Duns und Köln. Das war ein Scholastiker, der feststellte, dass man, um sich mit dem, was sein soll zu beschäftigen, nicht unbedingt, das, was der Fall war, in den Blick nehmen muss.

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