Exzellenzinitiative als Holzweg? Ein Plädoyer, die Forschungsförderung umzustellen

Einigkeit darüber, wie es mit Exzellenzinitiative (EI) weitergehen soll, ist auf Ebene der MinisterInnen jetzt hergestellt. Es gibt wie erwartet die Zwischenfinanzierung für die nächsten zwei Jahre, es sollen acht bis elf Universitäten in den Genuss einer institutionellen Förderung kommen, Universitäten sollen sich im Verbund bewerben können.

Details dazu kann man hier nachlesen. Überraschungseffekte halten sich in Grenzen. Die Politik hat sich – wie erwartet – aus dem Imboden-Bericht das herausgepickt, was ihr gefiel und das Ungenehme unter den Tisch fallen lassen. Leider ist dabei auch der interessanteste Aspekt des Kommissionsvorschlages, die Idee Forschungsleistung statt Forschungsversprechen zu fördern, unter die Räder gekommen. Für das Gros der hochschulpolitischen Berichterstatterinnen ist das kaum der Rede wert, sie haben die Debatte der letzten Wochen nach der Art eines sportlichen Wettbewerbs gesehen, als gehe es um ein Armdrücken zwischen denen, die Konzepte sehen wollen und denen, die auf vergangene Leistungen abstellen möchten. Gewonnen haben die, die Konzepte sehen wollen. Wie es aussieht ist der Wille zum hochschulpolitischen Selbstwirksamkeitserleben ungebrochen, deshalb ist den meisten in der Hochschulpolitik eine wenn auch diffuse Dynamik mehr wert, als der effiziente Einsatz wissenschaftlichen Arbeitsvermögens.

Anders geht es dem Organisationssoziologen Stefan Kühl vor wenigen Tagen in der FAZ, er nennt das Antragswesen insbesondere im Zusammenhang der alten dritten und neuen zweiten Förderlinie Zukunftskonzepte kollektives Backenaufblasen (FAZ vom 06.04., S. N4). Kühl sieht den Zeitpunkt, zu dem die Effekte von Forschungsförderung auf den Prüfstand kommen, erneut erfolgreich in die Zukunft verschoben. Die in den Universitäten eingeübte Zweck-Mittel-Verdrehung, nicht Forschung, sondern das Einwerben von Forschungsmitteln zu fördern bleibe in Kraft. Denn inzwischen müsse man, um überhaupt weiter mitspielen zu dürfen, bei jeder Exzellenzrunde mitmachen, koste es was es solle. Wer das nicht tut wird verlieren, sei es bei den Landesmitteln, oder der internen Forschungsförderung der Universitäten, die Schlagzahl muss bleiben. Frappierend desinteressiert ist die Hochschulpolitik daran, ob wirklich gute Wissenschaft bei all dem herauskommt, anders zumindest kann sich Kühl nicht erklären, dass eine Wirksamkeitskontrolle unterbleibt. Sein Vorschlag, wie eine solche Überprüfung machbar wäre, ist im Übrigen frappierend: Er schlägt vor, einfach die fünf Prozent der am schlechtesten evaluierten Anträge (das wären nach bisherigem Stand zwei Cluster) als eine Art Kontrollgruppe in die Förderung mit einzubeziehen. Er macht damit einen Vorschlag, der komplett in der Logik empirischer Sozialforschung und komplett außerhalb der Logik von Forschungsförderung liegt, dennoch wäre das spannend.

 

Aber nicht nur eine Wirksamkeitsüberprüfung fehlt. Es fehlt auch jedes systematische Wissen über die Kolletaralkosten all der gescheiterten Exzellenzanträge. Wer würde auch negative Resultate thematisieren wollen, negative Befunde nach Experimenten veröffentlich schließlich auch niemand, obwohl es nicht uninteressant wäre mehr darüber zu wissen, steht die Untersuchung misslungener Exzellenzabsichten aus. Vermeiden möchte Kühl die derzeit überall anzutreffenden Zweck-Mittel-Umkehrung. D. h. er will nicht dass Forschung sich an verfügbaren, möglicherweise einzuwerbenden Geldangeboten orientiert wie derzeit, sondern dass Forschende sich Geld beschaffen können, um interessante Ideen zu verfolgen. Möglich werden soll das, indem Forschungsförderung nicht Anträge, also Forschungsabsichten prämiert, sondern tatsächliche Forschungsleistung. Seinem Vorschlag nach liefe das auf eine Umstellung der Forschungsförderung auf Preise hinaus.* Die dann für die Leistungen ihrer WissenschaftlerInnen prämierten Forschungseinrichtungen, könnten die Fördergelder dafür einsetzen, tatsächlich neue und eben nicht im Sinne einer Antragslogik erfolgversprechende Forschung zu betreiben. Forschung müsste dann nicht mehr auf Scheiternsvermeiden orientiert werden und könnte riskante, Neues schaffende Pfade beschreiten. Der Idee nach würde das beim Hervorbringen von gesellschaftlich Neuem helfen, weil es dem wissenschaftlichen Feld erlauben würde das zu tun, was die Menschen dort am besten können. Immanente Probleme, wie das Matthäus Prinzip, nachdem denen gegeben wird, die schon am meisten bekommen haben, würden auch von dieser Umstellung nicht behoben werden, gleichwohl hochschulpolitische Aufmerksamkeit könnt man vom geplanten weg, hin zum realisierten verschwenken. Allein das wäre ein Gewinn.

 

 

* Ausgearbeitet und ausführlicher dargestellt ist das hier. Interessanterweise bekäme man, käme es so, wie Kühl vorschlägt, eine Anpassung von Realität an den Anspruch der Forschungsförderung, Mittel nur für das auszugeben wofür sie bewilligt worden sind. Denn heute passiert es ja immer wieder, dass Drittmittel für etwas anderes eingesetzt werden als bewilligt, so dass es genau genommen in einem Großteil der Forschungsinstitute und Fachgebiete zu einem von Drittmittelgebern und Hochschulverwaltungen geduldeten Massendelikt der Fördermittelunterschlagung kommt. Diesem Zustand abzuhelfen, wäre so gesehen ethisch geradezu geboten.

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