Sauber bereinigt und angepasst. Wie die Humboldt-Universität ihre Strukturen exzellenzfit machen will

An der Humboldt Universität hatte sich im Dezember eine seltsame Informationslage eingestellt. Obwohl der sich damals gerade neu bildende Berliner Senat beabsichtigte, jährlich 3,5 % mehr Gelder den Hochschulen zur Verfügung zu stellen, hat die Leitung der Hochschule die Fakultäten aufgefordert, bis Mitte dieses Monats Sparvorschläge im Umfang von 8 % vorzulegen. Ziel des Sparens ist nicht wie in den 1990er Jahren Sparen, sondern – wie es scheint – Flexibilität, nicht die der Fakultäten, sondern die der Leitung der Universität. Die Fakultäten sollen deshalb „strukturelle Defizite abbauen“ und Professuren – wo möglich – von W3 auf W2 Denominationen downgraden. Strukturanpassung oder noch etwas schnittiger Strukturbereinigung heißt das im Hochschulleitungsjargon.

Gerald Wagner hat in der FAZ am 21. Dezember einen kleinen Artikel darüber* geschrieben, weil auch er, den Zusammenhang aus Mittelsteigerungszusage und Stellenabbau nicht unmittelbar einsichtig fand. Er schickt vorweg, dass es immer wieder Unwägbarkeiten bei der Finanzierung von Hochschulen gebe und dass diese, sowie die Wechselfälle leistungsbezogener Mittelverteilungsmodelle für Risiken sorgten, gleichwohl aber sollten 3,5 % mehr jährlich für eine Wahrung des Status Quo gut sein. Die Leitung der Humboldt-Universität will da aber eben mehr, genauer weniger, von allen Fakultäten die genannten 8 % weniger, um – wie sie sagen – anpassen oder bereinigen zu können.

Was aber wird hier angepasst oder bereinigt? Wagner spekulierte in seinem Artikel, dass derlei Strukturanpassungs/-bereinigungen** eine Exzellenznebenfolge seien, denn immer wieder auftretende Notwendigkeiten, als Hochschule in der Lage zu sein, im Exzellenzwettbewerb erfolgreich sein zu können, machten es erforderlich, dass die Leitungen Forschung „fokussieren können“. Hochschulleitungen müssen nicht nur leiten wie früher, sondern sie brauchen, um später als erfolgreich gelten zu können stets verfügbare Reptilienfonds, aus denen man Mittel in die eine oder andere Wettbewerbssituation schmeißen kann. Das sei – sagt Wagner – eine Folge davon, dass Hochschulen heute auf Basis einer hochkomplexen Mischfinanzierung aus Landesgrundmitteln Landesleistungsbezugsmitteln, sog. Drittmitteln und Bundesmitteln, insbesondere Pakt- und Exzellenzmitteln funktionieren. Sofern leistungsbezogene Mittelverteilungsstrukturen eingerichtet sind, und das ist heute fast überall der Fall, hängt da dann auch vieles mit vielem zusammen. Die Pakt- und Exzellenzmittel, sowie die DFG-Mittel von heute beeinflussen, wie viel Grundmittel man morgen haben wird, und die Drittmittel von heute bestimmen ja ohnehin mit welchen Drittmittel man morgen wird rechnen können.

Will also eine Hochschule exzellenzkonkurrenzfähig sein, muss sie stets freigezogene oder gehaltene Stellen haben, die in den einen oder anderen Wettbewerb geschickt werden können. Tut eine Hochschule das nicht, würde sie schnell den Vorwurf hören, sich nicht genug um Erfolge zu bemühen, bekäme in Zukunft wahrscheinlich auch weniger landesleistungsbezogene Mittel etc..

Es tut sich hier eine gar nicht so kleine Widersprüchlichkeit der heutigen Universitätsfinanzierung auf. Die Komplexität der Finanzlage zwingt Hochschulen immer mehr strategisches Handeln, Management bzw. Bürokratisierung auf, auch dies mag also eine Ursache der stetigen Zunahme von zentralen Beauftragten, Akteuren, Stabsstellen etc. sein. D. h. je mehr Geld verschiedene Staatsebenen für Wissenschaft und Forschung locker machen, desto mehr Geld muss in Hochschulen für forschungsferne Koordinierungs-, Steuerungs- und Managementzwecke ausgegeben werden.

Etwas ungünstig an dieser Verschränkungslage ist die ihr zugrundeliegende Steigerungslogik, nach der mehr vom einen Gewollten auch mehr vom anderen nicht so Gewollten bedeutet und niemand weiß, wie man diese Verschränkung aufbrechen könnte. Weniger Pakt und Sondermittel sind auch keine Lösung, allenfalls könnte es helfen, den Grundfinanzierungsanteil auszubauen, dieser Weg ist aber dem Bund in Ermangelung von Bundeshochschulen verbaut und den Ländern in nur sehr eingeschränktem Umfang möglich, insbesondere wegen der Schuldenbremse.

Weiterhin steht der Wunsch zum hochschulpolitischen Wirksamkeitserleben einer Aufstockung von Grundmitteln im Wege. Ein mittelgroßes Bundesland wie Berlin kann das schon mal machen, wenn man es laut verkünden kann im Rahmen der Begründung einer neuen Koalitionskonstellation, im Rahmen einer laufenden Legislatur und im Rahmen einer Ressortkonkurrenz um Aufmerksamkeit macht das aber kaum Sinn, denn es wäre ja gerade der Verzicht darauf, etwas versprechen zu können.

Die Hochschulpolitik wird nun zum einen von dem Problem eingeholt, das eigentlich alle haben kommen sehen, niemand aber sehen wollte, nämlich der Frage, was nach der Exzellenzinitiative kommen soll. Die einzige halbwegs vernünftige Antwort darauf, wenn man nicht die Zerstörung von fast all dem, was aufzubauen gelang, in Kauf nehmen will, war, eine neue, weitere Exzellenzinitiative. Die aber zu beschließen ist nicht ganz einfach und im Prozess, eine weitere Exzellenzinitiative zu beschließen kommt es zu Verzögerungen und diese Verzögerungen verursachen Kollateralschäden an Universitäten etc. Dies leuchtet schlaglichtartig die dem Exzellenzwesen inhärente Widersprüchlichkeit aus, die daher rührt, dass Exzellenz gleichzeitig der Verstetigung und der Diskontinuität bedarf. Verstetigung braucht sie, weil sehr gute Forschung die nach wissenschaftlichen Maßgaben ausgerichtet ist, Dauerhaftigkeit und Berechenbarkeit ihres sozialen Umfeldes nötig hat, andererseits giert eben genau dieses Umfeld nach dem Besonderen, dass wäre es auf Dauer gestellt, weniger besonders wäre. Mir ist derzeit unklar, wie dieser Widerspruch gelöst werden sollte oder könnte und ob er überhaupt gelöst werden muss.

Zum Schluss des Posts komme ich zurück auf den Ausgangspunkt, den Wunsch des Präsidiums, von den Fakultäten Mittel im Umfang von 8 % der besetzten Stellen einzusammeln. Zunächst einmal weiß auch das Präsidium, dass sie diese 8 % eher nicht bekommen werden, wahrscheinlich auch brauchen sie für den genannten Zweck nur 6 % und wissen auch das, um die zu bekommen, müssen sie aber acht einfordern. Das aber ist nur eine Nebenlinie. Weitaus interessanter finde ich, wie sich hier eine Umkehrung der Organisationslogik andeutet. Während noch viele in der Universität tätige Wissenschaftler*innen meinen, die Universität sei eine Dienstleistungseinrichtung für die Wissenschaft, sieht die Hochschule das offenbar anders und blickt auf ihre Fakultäten, als seien diese Konzernteile mit spezialisierten Kompetenzprofilen. Konzernleitungen wähnen sich auch nicht als Dienstleister der Prozesspraktiker in den Konzernabteilungen, sondern als Organisationsspitze. Hier ist also – wie es scheint – ein weiterer Schritt der Organisationswerdung von Universitäten vollzogen. Denn der eigentliche Zweck von Bemühungen Exzellenzmittel einzuwerben, ist ja weniger das wissenschaftliche Fortkommen, als vielmehr der Organisationserfolg. Und für diesen Organisationserfolg sind nun Vorabopfer der Fakultäten gefragt.

 

*Gerald Wagner: Nach der Exzellenz kommt der Verteilungskampf, FAZ, Forschung und Lehre vom 21.12.2016 (weil es hier weder um Open-Access- noch um Cannabisperhorreszierung geht nicht online verfügbar).

 

**Zumindest Strukturbereingung ist auch aus Wagners Sicht ein – wie er schreibt – hässliches Wort. Es entstammt dem Wortwerkzeugkasten des Management und rangiert m. E. in etwa der gleichen semantischen Liga wie Entsorgungspark.

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