Von Fakten und ihren Alternativen. Wie man die Schnittstellenkommunikation zwischen Wissenschaften und ihren sozialen Umgebungen weiterentwickeln kann

Wir sind geneigt anzunehmen, dass es bei Politik immer auch, genaugenommen sogar idealerweise, um das Lösen von Problemen geht. Deshalb begrüßen wir es (zumeist), wenn Politik auf wissenschaftliche Hilfsmittel, wissenschaftliches Wissen zurückgreift. Wir tun dies, weil wir davon ausgehen, dass wissenschaftliches Wissen beim Problemlösen hilft, die Leistungs- und Problemverarbeitungsfähigkeit der Politik ausweitet und ihre Rationalität steigert. Zudem lebt es sich in einem politischen System in dem sich mehr Akteure auf wissenschaftliche Geltungsansprüche und weniger auf Machtworte stützen besser. Trotzdem sind Verwissenschaftlichungseffekte in Bezug auf Politik und Wirtschaft keineswegs garantiert. Akteure in Politik und Wirtschaft zeigen immer wieder ein selektives Interesse an Wissen und Wissenschaft und neigen dazu, sich nur dasjenige Wissen zu eigen zu machen, von dem sie denken, dass es ihren Zielen dient (die Modi dieser Selektivität hat schon vor mehr als 20 Jahren die heute fast vergessene politikwissenschaftliche Wissensverwendungsforschung untersucht). Es hat sich ferner gezeigt, dass eine erfolgreiche Anreicherung nichtwissenschaftlicher Handlungsfelder mit wissenschaftlich erzeugtem Wissen aktiv hergestellt werden muss, und dass eine aktive Ablehnung wissenschaftlichen Wissens durch relevante eine ganzes Feld prägende Akteure keineswegs selten ist. Postfaktisches Argumentieren und explizit wissenschaftsaverse Politikformulierung, also absichtsvolles Nichtwissenwollen sind insofern keine Neuerfindung der Trump-Ära. Derlei intellektuelle oder besser antiintellektuelle Muster sind allerdings in einem überraschenden Maße ins Zentrum des Politischen gerückt. In einzelnen Politikfeldern und am Rande des politischen Feldes gab es sie allerdings schon immer. Bei einer Ursachensuche, wie es dazu kommen konnte, bin ich auf Diskussionsstränge gestoßen, in denen der Vorwurf verhandelt wird, Wissenschaft (als ganze) sei irgendwie im schlechten Sinne politisch, nicht neutral, links oder zumindest (in us-amerikanischem Sinne) liberal. Jenseits klimaskeptischer Nischen waren Argumentationen wie diese bis vor kurzem eine eher amerikanische Debatte, schließlich gibt es in den USA in einzelnen Wissensgebiete schon seit längerem eine rechte und eine liberale Parallelstruktur, aber die Auswirkungen solch wissenschaftlich-politischer Lagerbildung haben uns längst erreicht.

Warum also will eine flächendeckende Verwissenschaftlichung politischer Diskurse nicht gelingen, ja wird sogar teilweise Verwissenschaftlichung rückabgewickelt, wie in der Klima- und Umweltpolitik der USA? Warum gibt es auch hier, zugegebenermaßen vereinzelter und sektoraler ein Unbehagen an Wissenschaft? Dies sind u. a. zwei der primären Fragen, die Armin Nassehi beim Entwerfen und späteren Aufschreiben seiner Rede auf der Jahresversammlung der Hochschulrektorenkonferenz Ende Juni umgetrieben haben (die Rede ist in einer gekürzten Version in der FAZ vom 28. Juni erschienen). Aktueller und zeitbezogener könnte eine solche Überlegung kaum sein, nachdem im letzten Jahr ein Präsident Trump in den USA seine aktive Ablehnung klimawissenschaftlicher Erkenntnis kundgetan hat und deshalb viele Menschen auch in Europa den Eindruck hatten, sie müssten nun ihre positive Beziehung zu wissenschaftlicher Denkungsart bekunden. Eine zur Selbstvergewisserung der Hochschulleitungen beitragende Rede auf einer Versammlung derselben zu halten war von daher ein sinnvolles Unterfangen, dessen intellektuelle Rekapitulation lohnt.

Nassehi argumentiert, dass gerade aus einer (vielleicht) etwas naiven, systemtheoretisch ein wenig informierten Sicht, es so erscheinen mag, als gäbe es zu der Verwissenschaftlichung der Gesellschaft keine Alternative, denn Wissenschaft sehe ja wie das vernünftigerweise dominierende gesellschaftliche Teilsystem aus. Während alle anderen gesellschaftlichen Teilbereiche ihrer Eigenlogik folgten (der Kaufmann eigenen Interessen, der Künstler der Universalisierung seiner Subjektivität, der Politiker der Macht etc.), wolle die Wissenschaft ja nichts anderes, als der Wahrheit Geltung zu verschaffen. Was spräche also dagegen, wissenschaftliches Wissen endlich – mag man sagen – gesellschaftlich und politisch wirksam werden zu lassen. Trotzdem wolle das nicht gelingen, insbesondere deshalb, weil es nicht nur bei der Wissenschaft eine Inkongruenz von Funktion, gesellschaftlicher Erwartung und Eigenlogik bzw. Erfolgsbedingung gibt. Diese Differenz sorgt zum einen dafür, dass wir unsere Gesellschaft als komplex wahrnehmen, zum anderen, dass wir als Gesellschaft mit unseren Handlungsbereichen (wenn man so will Teil- oder Funktionssystemen) fremdeln.* Allenthalben herrscht Unzufriedenheit, weil das Erwartete nicht so recht zustandekomme.

Dieses Fremdeln, den damit verbundenen gesellschaftlich Verdruss, hat Nassehi nun zum Anlass genommen, sich gründlicher mit der Frage zu beschäftigen, wie gesellschaftliche Wirkung von Wissenschaft stattfindet und wie sie wahrgenommen wird. Um zu zeigen, mit welchen Problemen das Wissenschaftssystem im Außenverhältnis konfrontiert ist, beschäftig sich Nassehi zunächst mit der Frage, wie die Differenzen von Funktion, Erwartung und Eigenlogik bei anderen gesellschaftlich Bereichen, wie Wirtschaft und Politik beschrieben werden können. Vom Wirtschaftssystem werde die Regulierung von Verteilungs- und Versorgungsproblemen erwartet, seine Funktion aber sei Knappheitsmanagement und die Eigenlogik/Erfolgsbedingung die Selbstbehauptung von Marktakteuren. Vom Recht werde Gerechtigkeit erwartet, leisten würde es aber die Versorgung mit normativer Erwartungssicherheit, während sich Juristen beim Rechtsprechen an Konsistenzanforderungen rechtlicher Argumentationen vor konfliktiven Hintergründen orientierten. Am offenkundigsten aber sei das Missverhältnis bei der Politik. Deren Funktion sei gleichzeitig das Dilemma: Zu leisten habe Politik die Versorgung der Gesellschaft mit kollektiv bindenden Entscheidungen, deren Auswirkungen, Anwendung und Umsetzung sie allerdings nur sehr eingeschränkt kontrollieren könne, während die Eigenlogik der (demokratischen) Politik im Austarieren von Macht- und Mehrheitschancen bestehe. Erwartet werde aber Steuerung der Gesellschaft, was angesichts einer Gesellschaft ohne tatsächlich steuerndes Zentrum ja nur eine unrealistische Erwartung sein könne. Politik produziere auf diese Art fast schon systematisch Erwartungsenttäuschungen, was sich in Politikverdrossenheit niederschlägt (eine tabellarische Darstellung von Quellen teilsystemspezifischer Verdrusseffekte findet sich im Anhang)*.

Aber auch Wissenschaft ist nicht davor gefeit, Verdrusseffekte zu produzieren. Aus verschiedenen politischen Blickwinkeln wird sie ohnehin misstrauisch beäugt. Nicht genug anwendungsorientiert, zu selbstbezogen sei sie sagen die Einen, das vermischt sich mit dem Vorwurf Anderer, dass sie irgendwie zum Unethischen tendiere und deshalb eine Kontrolle der Wissenschaft, zumindest der Forschung notwendig sei. Beide Vorhaltungen treffen sich da, wo es um eine kritische Haltung gegenüber dem, was man Eigenlogik der Wissenschaft nennen kann, die es so als monistische Logik selbstverständlich gar nicht gibt; stattdessen gibt es eine Reihe verschiedener disziplinärer Eigenlogiken, die darauf hinauslaufen, dass es um das Anbieten von Lösungen für mehr oder weniger selbstgestellte Probleme gehe. Erwartet werde aber sichere, zeitstabile, anwendbare Erkenntnis, ja Eindeutigkeit. Aus letzterer resultiert der Zug zum Eindeutigkeitskitsch in Bezug auf das Außenverhältnis der Wissenschaften, von dem auch die Bekundungen, Wissenschaft zu schätzen, die die Science Marches der vergangenen Monate geprägt hätten, nicht frei seien, sagt Nassehi. Wissenschaft(en) würden im Ergebnis nicht das liefern, was der Rest der Gesellschaft erwartet, insbesondere eben nicht die Eindeutigkeit, die es erlaubt, Debatten zu schließen. Stattdessen kommen aus den Wissenschaften konditionierte Wenn-Dann-Verkettungen oder gar ganz und gar alternative Antworten. Parlamentarische Enquete-Kommissionen würden aus diesen Nöten eine Tugend machen sagt Nassehi.

Für die Wissenschaft(en) und ihre Trägerakteure folgt daraus, dass man sich mehr mit den Bedingungen gesellschaftlichen Wissenschaftstransfers auseinandersetzen müsse. Damit ist nicht nur das gemeint, was innovationspolitisch gängigerweise unter Wissenstransfer verstanden wird, nämlich die Vermarktung, genauer marktbezogene Verwendung wissenschaftlicher Forschungsergebnisse, die stets zu langsam und nirgendwo schnell genug geht, sondern eine offensive Auseinandersetzung mit den Bedingungen solcher und anderer Prozesse von Wissenstransfer und Innovation in einer Vielzahl von Handlungsfeldern.

Möglicherweise – meint Nassehi – liege eine Hauptaufgabe von Wissenschaften darin, Raum für Abweichungsverstärkung anzubieten. Schließlich prämiere Wissenschaft Abweichung, d. h., Versuche, die Dinge anders zu machen als bisher. Sie biete Raum für die Lösung von Problemen, die es (manchmal) ohne sie nicht gäbe und sie versorge die Gesellschaft nicht nur mit Antworten, sondern auch mit den (hoffentlich) richtigen und wichtigen Fragen.

Kitsch – so Nassehi weiter – beziehe sich aber nicht nur auf Eindeutigkeit (und Anwendungsbeschwörung)**, sondern auch auf den Zusammenhang von Wissenschaft(en) und Demokratie. Die autoritär motivierten Angriffe auf verwissenschaftlichte Politik hätten den falschen Eindruck entstehen lassen, als sei der Zusammenhang von Wissenschaft und Demokratie eineindeutig positiv. Kitschpotential stecke deshalb in dieser Einschätzung, weil Wissenschaft eben kein primär demokratisches, sondern ein meritokratisches Unterfangen sei, ganz gleich, welcher Gesinnung man Wissenschaft betreibend anhänge, manchmal kehre sich das alles im Ergebnis gegen die eigenen Intentionen. Gerade das Nichtdemokratische Element im Wissensproduktionsprozess sei ausschlaggebend dafür, dass Wissenschaft aufklärerisch wirken könne. Dennoch gebe es eine Verbindung, die darin bestehe, dass der Beitrag der Demokratie zur Kultur der Gesellschaft darin gesehen werden könne, dass man sich stets mehrere Versionen der Lösung eines Problems vorstellen kann. Der Demokratiebezug der Verwissenschaftlichung von Politik bestünde demnach nicht in den demokratischen Momenten im Wissensproduktionsprozess, sondern im wissenschaftlichen Diskursen immanenten Pluralismus.

Selbstverständlich ist Nassehi so geschickt, systemtheoretischen Jargon zu vermeiden und dadurch den etwas kybernetisch-hyperfunktionalistischen Sound vieler systemtheoretischer Texte hinter sich zu lassen. Das wirkt in seinem Redetext wie ein Wirkungsverstärker. Es erlaubt einen fast schon spielerischen, definitiv aber kreativen Umgang mit Begriffen, wie Funktion, Erwartung und Erfolgsbedingung/Eigenlogik und schafft Klarheit, sorgt für spannende Perspektiven, die einem bloßen praktischen an Alltagsfragen orientiertem Blick nicht zugänglich wären. Spannend zum Weiterdenken erscheint mir auch der Versuch einen Demokratiebezug von Wissenschaft in Pluralität und Pluralismus zu verankern, denn das umgeht das Problem, dass regelmäßig auftreten kann, wenn auf wissenschaftlichen Geltungsansprüchen basierte Politik mit widerstreitenden Mehrheitsmeinungen konfrontiert ist. Gleichzeitig schafft man hiermit eine Brücke zwischen wissenschaftlichen Inhalten und gesellschaftlicher Demokratisierung, was es wiederum erlaubt, die Demokratisierung des Gesellschaftsverhältnisses der Wissenschaften in den Mittelpunkt zu stellen. Man könnt davon ausgehend dann auch darüber diskutieren, ob nicht eine Vielzahl unterschiedlicher Schnittstellenarrangements getroffen werden könnte und müsste. Die damit verbundenen Fragen, wie die Demokratisierungsarrangements in den verschiedenen Wissenschaft-Praxis-Arenen aussehen müssen, bleibt also vorerst spannend.

 

*Teilsystemspezifische Verdrussmatrix
Funktion Erwartung Erfolgsbedingung/Eigenlogik
Wirtschaft Knappheits-management Regulierung von Verteilungs- und Versorgungsproblemen Versuch individueller Akteure sich auf dem Markt zu behaupten
Recht Versorgung mit Formen normativer Erwartungssicherheit Gerechtigkeit Orientierung an konflikt-reichen Konsistenzanfor-derungen rechtlicher Ent-scheidungen
Wissenschaft Erzeugung begründ-baren Wissens Sichere, zeitstabile, anwendbare Erkenntnis, Eindeutigkeit Lösungen für selbstgestellte Probleme anbieten
Politik Kollektiv verbindliche Entscheidungen (ohne deren Auswirkungen kontrollieren zu kön-nen Steuerung der Gesellschaft Austarieren von Macht- und Mehrheitschancen

** Wobei insbesondere innovationspolitischer Anwendungsbeschwörungskitsch wegen seiner zumeist technokratischen Sprache auf den ersten Blick nicht ohne weiteres als solcher erkennbar ist.

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