Zur politischen Konstruktion von Ignoranz

Wissenschaft ist für Politik interessant, weil mit ihrer Hilfe die Politik zu sachangemesseneren Entscheidungen gelangen kann. Das ist jedenfalls oft so, meistens hoffentlich. Manchmal allerdings ist Politik genau daran gar nicht interessiert, dann geht es ihr darum, Entscheidungen zu treffen, die den EntscheiderInnen gefallen, Sachangemessenheit hin oder her. Wenn wissenschaftliche Arbeitsergebnisse deren Auffassungen stützen, sind sie willkommen, wenn nicht unwillkommen; dann wird das damit verbundene Wissen mehr oder weniger aktiv ignoriert, nicht einmal ignoriert, in seinem Geltungsanspruch in Frage gestellt oder gar bekämpft. Bekannte Beispiele sind das Ignorieren jeglicher Schlafforschungsergebnisse in Hinblick auf das zu frühe Aufstehen von Kindern durch nahezu die gesamte deutsche Schulpolitik und fast alle schulpolitischen Akteure oder das Bekämpfen der Klimawissenschaft durch die Republikanische Rechte in den USA. In beiden Fällen ist das, was die Wissenschaft zu sagen hat, politisch unattraktiv und würde, nähme man das ernst, zu einem Handeln veranlassen, das ungewollt ist. Im Fall der Schulpolitik müsste ein Akteur, dem es wirklich um Lernerfolg und Wohlbefinden von SchülerInnen geht, mit LehrerInnen, ihren Gewerkschaften und Eltern in den Konflikt um Präsenzzeiten und Fächerkataloge und einiges mehr gehen, im Falle der Klimawissenschaft müsste die Republikanische Partei ein komplettes politisches Geschäftsmodell aufgeben, beides wäre hochgradig unangenehm und würde die eine oder andere organisationale Umbauaktivität nötig machen. Besser also man beschweigt das Thema (wie dies BildungspolitikerInnen oder eine selbsternannte Bildungsgewerkschaft tun) oder stemmt sich mit allem, was man hat, gegen das, was da im Namen der Wissenschaft als Zumutung kommt.


In der Politikwissenschaft heißt solches ungewolltes Wissen uncomfortable knowledge (uK). UK bedroht eine Organisation oder einen Politikansatz in seinem Bestand und ist deshalb politisch unerwünscht. Oft ist es in die gewohnten Wissensbestände nicht integrierbar, ohne diese aufzusprengen, es ist schlicht nicht institutionell kompatibel. Als gängige Reaktionsmuster auf eine solche Problemlage gelten einem spannenden Aufsatz zufolge die folgenden vier Strategien der sozialen Konstruktion politischer Ignoranz: denial (Verneinung, Ignorieren), dismissal (in Hinblick auf den Geltungsanspruch angreifen), diversion (Aufmerksamkeit vom Gegenstand ablenken) oder displacement (in etwa, einen Gegenstand durch einen anderen substituieren).
Die soziale Konstruktion politischer Ignoranz ist häufiger und weniger ungewöhnlich, als es auf den ersten Blick den Anschein hat, schließlich ist Wissen auch als eine durch Weglassen von Überflüssigem und nicht Anschlussfähigem benutzbar gemachte Information zu verstehen, soll heißen, erst durch Weg-, Auslassen oder Verdrängen von möglicher Erkenntnis entsteht überhaupt aus weißem Rauschen Sinn. Organisationale oder politische Wissensprozesse müssen ständig und immer wieder irgendwelches Wissen weglassen, umso interessanter ist es, wenn es gelingt genau dabei zuzuschauen. Diese Prozesse des Abscheidens unnötiger Information sind selbstverständlich organisational und institutionell kanalisiert.
Der Politikwissenschaftler Steve Rayner hat interessante Beispiele solcher Prozesse für die Strategien denial, dismissal, diversion und displacement beschrieben. Das möchte ich im Folgenden nachzeichnen. Auf eine Betrachtung von dismissal kann ich hier verzichten, weil diese Strategie in der Klimanwandeldebatte nur zu bekannt ist. Denier dort seien eigentlich Dismissalists meint Rayner, denn sie würden Erkenntnisse der Klimaforschung weder verneinen noch ignorieren, stattdessen aber aktiv in Frage stellen und Versuche unternehmen, diese zu diskreditieren.

(Denial) Das britische Office of Science and Technology (OST) unter der Führung des Ministers für Science and Innovation wollte 2000 etwas gegen das öffentliche Misstrauen gegenüber Wissenschaft und Forschung und den ihrer Ansicht nach daraus folgenden Mangel an wissenschaftlichem Nachwuchs in den Technik- und Naturwissenschaften unternehmen. Kurz zuvor war Wissenschaft in Folge der BSE-Krise im Vereinigten Königreich ins Gerede geraten. Es wurde dafür ein Science and Society-Forschungsprogramm aufgelegt, ausgelegt auf fünf Jahre (2001-2006), 5,5 Mio. £ umfassend. Die Forschung brachte zum Vorschein, dass es kein nennenswertes Misstrauen in die Wissenschaft gibt, vielmehr gebe es allerdings ein Misstrauen in die Wissenschaftspolitik und dass in Hinblick auf den United Kingdom Knappheit an WissenschaftlerInnen keine reale Bedrohung ist (insbesondere auch aufgrund der Zuwanderung osteuropäischer WissenschaftlerInnen). Das hätte aus wissenschaftspolitischer Sicht als eine gute Nachricht gewertet werden können, denn die befürchteten Probleme existierten ja gar nicht.
Nicht dumm wie sie waren, befanden die ProgrammmanagerInnen, dass einfache wissenschaftliche Publikation der Resultate nicht ausreichen würde, um politikwandelnde Effekte zu erzielen. Dementsprechend erstellten sie ein zielgruppenspezifisches Vermittlungsprogramm für Ministeriale und MultiplikatorInnen. Aber es half nicht. Kurz nach Auslaufen des Forschungsprogramms erschien 2007 ein Bericht der britischen Regierung (der sog. Sansbury Review), der … Überraschung … Misstrauen in Wissenschaft und insbesondere Nachwuchsmangel in den Technik- und Naturwissenschaften als zentrale Probleme britischer Wissenschaftspolitik benannte. Das Science and Society-Forschungsprogramm wurde von Seiten der britischen Regierung im Nachhinein als Misserfolg gewertet, weil es keine Vorschläge erbracht habe, wie diese schwerwiegenden Probleme zu lösen sein könnten. Letztendlich hat die britische Regierung so getan, als gebe es keinerlei Erkenntnisse, die der seit langem vertretenen Meinung entgegenstehen. Die Ergebnisse des Forschungsprogramms wurden einfach beiseite geschoben, um weitermachen zu können wie immer (zu dem wie immer steht mehr im vorhergehenden Blogbeitrag).

(Diversion) Die EU-Generaldirektion Forschung hat im 6. Rahmenprogramm ein Forschungsprogramm (das Science in Society Work-Program) aufgelegt, welches sich die Aufgabe gestellt hatte, wissenschaftliche Politikberatungsstrukturen und -prozesse zu untersuchen. Tatsächlich gefördert aber wurden Projekte, die die öffentliche Vermittlung von Wissenschaft zum Gegenstand hatten, und kein einziges, welches sich tatsächlich der Politikberatung und ihrer Probleme und Strukturen gewidmet hatte. In anderen Worten, die Forschungsfrage „wie wird Politik durch Wissenschaft beraten und wie sollten die Strukturen dafür aussehen?“, wurde durch die Frage, „wie kann man Wissenschaft und Öffentlichkeit zusammenschalten“ ersetzt. Zweiteres ist auch eine wichtige Frage, aber sie ist eben auch für alle, die an den Schnittstellen von Wissenschaft und Politik sitzen weit bequemer. Das scheint sie so wiederholungswürdig zu machen. Die Generaldirektion Forschung reagierte auf eine Kritik an dem Vorgehen mit dem Argument, das Programm sei ja auch kein Forschungs-, sondern ein Aktionsprogramm.

(Displacement) Als Beispiel für diese Strategie dient das Cheasapeake Bay Program (CBP) ein Kooperationsprogramm der Bundesstaaten Maryland, Virginia und Pennsylvania sowie Washington DCs, der us-amerikanischen Environmental Protection Agency (EPA) und der Chesapeake-Bay-Kommission (das ist eine Kommission aus Mitgliedern der Repräsentantenhäuser, Senate und Staatsregierungen der betreffenden Bundesstaaten, die diese in staatsübergreifenden, die Bucht betreffenden Angelegenheiten beraten soll). Gegenstand des Programms ist die Verbesserung der Umweltqualität der Bucht, in der Hauptsache durch eine Minimierung von Schadstoffeinträgen. Beider Arbeit der CBP geht es um Modellbildung, Umweltmonitoring, Qualitätssicherung in Bezug auf den Umweltdatenbestand, Land-Assessment, das Festsetzen von Tagesmaximalschadstoffeinträgen sowie um sogenannte Watershed-Implementation-Plans. 2011 hatte das CBP ein Budget von 63 Mio. $. Die Ausrichtung des Programms ist, wie es aussieht, in das technokratische Segment der Umweltpolitik einzuordnen. Um seine Zukunft zu sichern – meint Rayner – ist das Programm darauf angewiesen, eine Gratwanderung zwischen Erfolgs(selbst)zuschreibung und Notwendigkeitsbetonung zu vollführen: Man muss kommunizieren, dass das Programm effektiv ist, gleichzeitig ist es nötig, zu betonen, dass die mit dem Programm bearbeiteten Probleme nicht verschwinden, vielmehr ernst sind. Aufgrund der Arbeitsweise des CBP komme es zu einer Vermengung von Modellen und Wirklichkeit, die soweit reicht, dass die Abbilder der Wirklichkeit, die Modelle, Pläne und Wasserscheidenkonstrukt ihrerseits zu einer Wirklichkeit ganz eigener Art werden und an die Stelle der Wirklichkeit treten. Man muss nicht nach Washington fliegen, um solch eine Entwicklung zu beobachten.

Rayner beschreibt hier vier Grundprobleme einer Aneignung von Wissenschaft durch Politik. Denkt man seinen Gedanken weiter, dann ist diese konstitutiv auf die Produktion von politischer Ignoranz angewiesen, denn ihre Kapazitäten sich Problemen anzunehmen sind begrenzt. Politik kann einfach nicht jeden, von irgendeiner wissenschaftlichen Disziplin als Problem benannten Gegenstand als ein politisches Problem anerkennen und demzufolge bearbeiten. Spannend wird die Sache also erst dann, wenn es darum geht, wie Politik diese Sortierarbeit vornimmt und welche sie Gründe für den einen oder anderen Sortierschritt anführt. Das – scheint es mir – gibt es noch einiges an Luft nach oben.

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