Warum es keine fliegenden Autos gibt

Hätte 1965 jemand gesagt, dass die wesentlichste technische und soziale Neuerung in 50 Jahren eine weltumspannende Mischung aus Bibliothek, Postamt und Versandhauskatalog sein würde, hätte man ihn wohl wegen mangelnder Fantasie in der Ecke stehen lassen. Gleichwohl genau so ist es gekommen. David Graeber hat vor drei Jahren in einem sehr unterhaltsamen Aufsatz danach gefragt, wie es dazu kommen konnte.* Er fragt dort danach, wo all die Dinge sind, die Angehörigen unserer (in den 1950er, 60er und 70er Jahren geborenen) Generation versprochen worden sind. Es gibt keine Raumflüge, seit 1980 langsamere Flugzeuge, kaum Laser, die mehr können, als Augenlinsen zu korrigieren, keine vernünftigen Akkus und fliegende Autos oder Jetpacks (zum Glück) ohnehin nicht. Was ist da passiert?
Graeber führt zwei Gründe an, zum einen eine technologiepolitische Großentscheidung in den 1960er Jahren zum zweiten, und damit verbunden, neue organisatorische Arrangements dort, wo es um das Hervorbringen von Innovationen geht. Die technologiepolitische Großentscheidung ist bei Graeber n einem leicht verschwörungstheoretischen Sound dargestellt, gleichwohl nicht vollkommen unplausibel: In den 1960er Jahren hätten sich die gesellschaftlichen Großeliten in den USA, vor dem Hintergrund ihres Erschreckens über soziale Emanzipationsschübe, die sich im Fahrwasser technologischer Neuerungen verbreitet hatten, zusammengesetzt und beschlossen, der Technikentwicklung der kommenden Jahrzehnte eine andere Stoßrichtung zu geben.** Investitionen in Technikentwicklung seien umgelenkt worden, weg von Technologien die alternative Zukünfte eröffnen, hin zu solchen, die die Arbeit und das Soziale kontrollieren. Technik, die den Menschen üble Arbeit abnahm, war nicht mehr gefragt, Arbeit zu substituieren war ja auch nicht mehr nötig, weil es Dank der Erfindung des Containers die Logistik gab, die es erlaubte, einen Großteil der ekligen Arbeit nach China auszulagern. Informationstechnik schließlich erlaubte es, komplexe Arbeiten auf der anderen Seite des Globus billiger erledigen zu lassen, dementsprechend entstanden ab den 90er Jahren Callcenter und Softwarefirmen in Indien.
Innovation wurde seit damals anders angegangen. Die großen Innovationsbürokratien (Manhattan Project, Nasa, Bell Labs), gleich ob staatlich oder privatwirtschaftlich organisiert, verschwanden oder wurden durch schlankere Strukturen ersetzt. Die Privatwirtschaft stieg aus der anwendungsfernen Forschung aus und entwickelte nur noch anwendungsnah oder reichte sogenanntes Motivation-Money an Ingenieursklitschen in den südlich von San Francisco gelegenen Kleinstädten aus. Die Projekte der Jahrhundertmitte wurden als saurierige Staatstechnik denunziert.***

Zeitlich mit der Schleifung der Innovationsbürokratien setzte eine Entwicklung ein, nicht mehr die kreativsten Köpfe mit Geld, Zeit und sozialen Raum auszustatten und machen zu lassen, sondern damit zu beschäftigten, gegenseitig miteinander wettzubewerben, um Managerialbürokraten ihre Projekte zu verkaufen. Prämiert wurden fürderhin nicht mehr die Forschungsergebnisse sondern die Forschungspläne. Diejenigen, die es vermochten, in kürzester Zeit die Ausgabe von möglichst viel Forschungsgeldern zu planen, bekamen dann auch das meiste Geld. Dementsprechend ist heute Forschung, die wenig kostet aus organisationaler Sicht ein Albtraum.
In der Folge werden wir mit inkrementellen Kleininnovationen überschüttet, das I-Phone wird stets verbessert, in Pharmakologie wird hier mal eine CH-Gruppe oder dort ein Kohlenstoffatom angepappt, um ein neues Patent anmelden zu können, nur die wirklich neuen Sachen kriegen wir nicht.****  Gründlichere Innovationen sind so gesehen aus wirtschaftlicher Sicht gar nicht gefragt, denn wer kann denn wissen, wie die Märkte der Zukunft aussehen, wer da on Top ist, wenn es wirklich neue Dinge gibt. Es gibt somit also Anhaltspunkte, dass der Kapitalismus, wie wir ihn heute kennen und haben, kein Innovationstreiber (mehr ist) und unter kapitalistischer Ägide Innovationsbemühungen nicht weniger auf neue Technologien und mehr auf das Erzeugen von Gelegenheiten zum Geldverdienen zielt. Würde das stimmen, entfiele eins der Hauptargumente für den Kapitalismus, es ließe sich nicht mehr sagen, er sei ein gutes Verfahren, technologische Innovation zu generieren.
Nur das ist noch nicht alles. Es gibt gar Anhaltspunkte dafür, dass die Misere noch tiefer liegt, schließlich hat bereits in den 1950er und 1960er Jahren das Tempo der Hervorbringung von Großinnovationen nachgelassen. Graeber meint, nach der Mikrowelle (1954), der Pille (1957) und dem Laser (1958) seien eigentlich nur noch Sachen gekommen, die Zusammenstellungen oder Massenmarktkommerzialisierungen von bereits Erfundenem gewesen sind, das gelte z.B. für das Fernsehen, die Raumfahrt und die Informationstechnologie (2014, S. 114). Dieser Zusammenstellungseffekt habe es Graeber zufolge erlaubt, den Eindruck einer schnellen Abfolge technologischer Neuerungen noch jahrzehntelang etwa bis 1970 aufrechtzuerhalten.

Nun ist Graebers Essay keine Wissenschaft, gleichwohl ist es leicht, eine wissenschaftlich-emprische Bestätitung seiner These zu finden, aktuell z. B. hier. Nicht minder leicht ist es, Stimmen zu finden, die der Occupy-Bewegung nicht nahe stehen und trotzdem nicht allzu viel Hoffnung auf zeitnahe technologische Großinnovationen legen oder einen negativen Zusammenhang von sozialer Ungleichheit und technologischer Innovation sehen.

Hätte Graeber Recht, würde das bedeuten, dass der Kapitalismus des 20. Jahrhunderts keine geeignete Rahmenbedingung war, um grundlegende Innovationen hervorzubringen, ja dass es dafür einer staatlich gesteuerten Kriegs- respektive Kaltkriegslogik bedurfte, die im Stande war, die soziale Logik des entwickelten Kapitalismus zurückzudrängen.
Die Frage ist nun, wie es weitergeht und ob es wirklich zivilisatorischer Großkatastrophen bedarf, um technologisch weiterzukommen. Aktuelle Science Fiction Literatur scheint dieser Auffassung zu sein: In William Gibson großartigem Roman The Peripheral braucht es einen katastrophischen Clusterfuck namens The Jackpot, der soziale und zivilisatorische Strukturen zum Einsturz bringt und einen großen Teil der Menschheit das Leben kostet, um neue Zyklen einer nachhaltigeren Technologieentwicklung einzuleiten. So etwas gilt es zu vermeiden. Das würde bedeuten, dass es Zeit wird, über Alternativen zu sprechen.

* Der Text findet sich einerseits in der Essaysammlung The Utopia of Rules (2014) sowie in einer etwas kürzeren Version in der Zeitschrift The Baffler (2012).

**Als symptomatisch für die Gestimmtheit aus der heraus eine solche Entscheidung gefallen sein mag, sieht Graeber das 1970 von Alvin Tofler veröffentlichte Buch Future Shock.

***Dies erlaubte eine Perspektive, die die Großtechnologien der Jahrhundertmitte (in einigen Fällen nicht einmal fälschlicherweise) als Irrtümer, als Kinder des Kalten Krieges aussehen ließ. Im Falle der Kernspaltung stimmt das m. E. sogar, unsicher bin ich, ob es wirklich sinnvoll ist, die bemannte Raumfahrt so lange auf Sparflamme vor sich hinvegetieren zu lassen, bis die Privatwirtschaft ein Gewinnerzielungsbedürfnis damit verbindet.

**** Genau an dieser Stellte gibt es natürlich Gegenargumente, die lauten einer Kurzrecherche gemäß etwa so: Graeber sei analog und wisse digitale Innovation nicht zu würdigen und, was von Seiten der Nanotechnologie an Neuem kommen wird, wird so etliches in den Schatten stellen. Zum ersten Argument mag ich einfach nichts sagen, weil es irgendwo wohlfeil doof ist und an der Sache vorbeigeht, zum zweiten Argument fällt mir nur ein, dass die Geschichte von den tollsten zu erwartenden Errungenschaften der Nanotechnologie nun auch schon fast 20 Jahre alt ist. Das liegt wahrscheinlich daran, dass echte Durchbrüche echte Forschungsaufwendungen nötig machen würden, bis dahin aber bleibt es bei Autolackpolituren.

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