Wirtschaftswissenschaftliches Denken im deutschen Wirtschaftsjournalismus

Manchmal kann Wirtschaftsjournalismus sehr aufschlussreich sein. Weniger weil man dort neues erfährt, sondern eher weil man da ganz viel erfährt über, eben: Wirtschaftsjournalismus und die Art, wie in Deutschland über wirtschaftliche Zusammenhänge geredet und geschrieben wird. Die FAS hat das am vorletzten Sonntag jedenfalls geschafft, mit einem Interview da Licht reinzubringen. Interviewt wurde der Ökonom Anthony Atkinson, der sich im Wesentlichen mit Fragen von Einkommensungleichheit und Wohlfahrtsökonomie beschäftigt. Von Atkinson wird bald eine Monographie zum Thema erscheinen, dort wird er Ungleichheit als eines der größten sozialen Probleme unserer Zeit diskutieren.

Das Interview

Die ihn interviewende FAS-Mitarbeiterin scheint das aber anders zu sehen, denn anders ist die Eingangsfrage, warum denn die Menschen (in Deutschland) sich Gedanken über Einkommensungleichheit machen sollten, wo es ihnen doch gut gehe, nicht zu erklären. Auf Atkinsons Bemerkung, Chancengleichheit wäre den meisten wichtig, erwidert die Interviewerin, dass gleiche Ausgangsbedingungen doch nicht bedeuten würden, dass jeder das gleiche erreiche. Dann fragt sie nach dem Zunehmen von Ungleichheit, um dann, nachdem Atkinson bestätigte, dass diese zunimmt, zu fragen, ob Thomas Piketty also Recht habe, die Steuern rauf sollten. Atkinson weist in seiner Antwort darauf darauf hin, dass seiner Ansicht nach die Pikettydebatte zu sehr auf die Superreichen konzentriere und zu wenig darauf, wie man denjenigen, die wenig haben, helfen kann (und im übrigen auch blind sei in Bezug auf Fragen von Geschlecht sowie die Umweltfrage). Das freut die Interviewerin (also, dass er Pitetty nicht so toll findet), sofort fragt sie, ob Superreichtum also kein Problem sei. Atkinson verneint das und erklärt zudem, dass der mit Superreichtum verbundene gesellschaftliche und politische Einfluss schlecht sein kann für eine demokratische Gesellschaft. Dann geht Atkinson auf die mit Ungleichheit verbundenen gesellschaftlichen Marginalisierungseffekte ein. Woraufhin die Interviewerin findet, das seien jetzt aber ja zum Teil „ganz moderne“ Probleme, Steuern und Sozialabgaben aber seien von vorgestern und dann hat sie noch ein Argument: einige Ökonomen würden sagen, Ungleichheit entwachse der technischen Entwicklung und neuen Automatisierung und dagegen würden Steuern nichts helfen, und Automatisierung sei doch auch zudem manchmal sehr hilfreich. Auf Atkinsons Antwort, dass man dann eben gesellschaftliche Verteilungsfragen neu diskutieren müsste, fällt ihr nichts anderes ein, als die Bemerkung, dass dann aber die Leute mit Geld weggehen würden, und dagegen könne man ja rein gar nichts machen, angesichts der „irrwitzigen Menge an Daten“ die für wirklich globale Besteuerung erhoben werden müsste, und das müsste einem doch Sorgen machen.

Was das über ökonomisches Denken sagt

Besagte FAS-Mitarbeiterin scheint man also zu meinen, Ungleichheit sei eigentlich kein Problem, wahrscheinlich, weil sie Leute dazu bringt sich anzustrengen; deshalb seien Steuern und Umverteilung an sich schlecht und ohnehin eigentlich vergeblich, weil die, denen genommen werden würde, weggehen könnten. Globale Besteuerung ist ihrer Meinung nach offenbar aus Gründen des Datenschutzes zu vermeiden. Sie befindet sich damit in einer recht guten Gesellschaft all derer, die wie dies im deutschen ökonomischen Denken anscheinend üblich ist, an Verteilungsfragen komplett desinteressiert sind.
Besonders konstruktiv ist das natürlich alles nicht. Wie mit solchen Auffassungen ein Staat gemacht und finanziert werden soll, ist unklar, vielleicht soll er das auch gar nicht, weil wer so denkt, wie oben beschrieben, weiß wahrscheinlich auch gar nicht, wozu man einen Staat überhaupt braucht. Besonders wütend muss da Atkinsons Auffassung machen, dass es einen Zusammenhang von gesellschaftlicher Zivilisiertheit und hohen Steuern gibt, wo man doch immer an das Gegenteil geglaubt hat. Es sei denn, man interessiert sich weder für Gesellschaft noch für Zivilisiertheit, dann ist das Ideal eine Gesellschaft die keiner Renditeerwartung im Wege steht.

Warum uns das noch Probleme bereiten wird

Zu einem richtigen Problem wird diese Art des Denkens aber dann, wenn man bedenkt, dass Verteilungsfragen kaum weniger als die ökonomischen und gesellschaftlichen Zukunftsfragen überhaupt sind. Denn alleine gelassen, scheint der Kapitalismus dahin zu tendieren, aus der sozialen Mitte nach oben umzuverteilen. Es sieht so aus, dass Beschäftigung doch wieder ein Problem werden kann und es gibt auch Hinweise, dass das mit dem Wachstum auf Dauer eben kein Lösungsmodell für Verteilungsfragen ist. Nicht nur wegen der Umwelt, sondern auch, weil einiges dafür spricht, dass das mit dem Wachstum so nicht weitergeht.*
Das alles spricht dafür, dass eine Verteilungsdebatte anstehen wird. In dieser Debatte sollte dann erörtert werden, wie Produktivitätsfortschritte anders verteilt werden können, als das derzeit der Fall ist. Dann ist es ziemlich dumm, wenn man nur Ökonomen zur Hand hat, die in Steuern etwas Furchtbares sehen. Denn anders als die meisten Deutschen Ökonomen muss man in Besteuerung kein Staatsunvermögen sehen, vielmehr kann man auch der Auffassung sein, dass sich in Besteuerung Vorstellungen darüber, wie in einer Gesellschaft (ökonomische) Handlungsfähigkeit verteilt sein sollte, widerspiegeln. Wahrscheinlich muss Wirtschaftspolitik und Steuerpolitik auch wieder mehr lernen, wirtschaftliches Handeln mit einer bewertenden Perspektive zu betrachten und dementsprechend unterschiedlich zu behandeln. Denn egal wie man es wendet, wo es Steuern gibt, werden Wertvorstellungen kommuniziert. Wenn man Kapitaleinkunft wenig und Arbeit hoch besteuert gibt man zu verstehen, dass man der Auffassung ist, dass Herkunft sich lohnen soll, und dass was in der Vergangenheit war, wichtiger ist, als das was in der Zukunft sein kann. Wenn man Erben wenig und Arbeitslohn hoch besteuert, gibt man auch zu verstehen, wie wichtig einem die Leistungen von gestern und der Erhalt von Privilegien heute ist. Es wird Zeit so über Steuern und das, was sie über ein Gesellschaftsverständnis sagen zu diskutieren.

 

*Das Papier behauptet, dass 0,2% jährliches Wachstum so etwas wie ein historischer Normalfall sind, dass das bis 1750 so war und in etwa ab 2050 wieder so sein kann. Man kann an dem Papier die bei Ökonomen offenbar häufiger anzutreffende Vorliebe für symmetrische Kurven kritisieren, gleichwohl kann es trotzdem sein, dass die Richtung stimmt und wenn sie stimmt, dann hätten wir ein Problem.

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