Zum Elend der akademischen Personalstrukturdebatte, sowie Vorschläge, wie es weitergehen kann

Vor einigen Tagen (am 21.03.) ist in der FAZ ein vielwahrgenommener Artikel zum akademischen Befristungswesen erschienen.* Seine AutorInnen, es sind sieben, nehmen die Absichtserklärung der neuangetretenen Bundesregierung, etwas gegen Befristungen von Arbeitsverträgen unternehmen zu wollen, zum Anlass dasselbe auch für den Wissenschaftsbereich einzufordern. Sie tun das nicht ohne moralischen Unterton; sie stellen dabei fest, dass Befristung zunehmend nicht mehr aus wissenschaftlichen Feldlogiken, sondern immer mehr aus Organisationslogiken erfolgt. Mit anderen Worten Hochschulen und Forschungseinrichtungen befristen nicht so sehr, weil sie es müssen, sondern immer mehr, weil sie es können. Wer als Hochschuladministrator oder Verwaltungschef oder Direktor eines Max-Planck-Instituts nicht ausgiebig in die arbeitsrechtliche Grabbelkiste greift, macht sich unter seinen Peers zum Problemfall. Täte man das, gälte man schnell als dumm oder sozialromantisch, kein Fakultätsverwaltungsleiter kann sich das erlauben, so gesehen zu werden.

Der Artikel wartet mit einigem Zahlenmaterial auf, legt auch gut dar, wie sehr Befristung anteilig zugelegt hat (zwischen 2005 und 2015 um 59,2 %), während die Anzahl der unbefristeten Professuren kaum gestiegen ist. Bei der Ursachenforschung hält der Text sich dann etwas bedeckt: Eine rot-grüne Koalition habe ein Wissenschaftszeitvertragsgesetz auf den Weg gebracht, aber nicht mehr fertig bekommen, das daran anschließende erste Merkel-Kabinett habe es dann 2007 in endgültige Gesetzesform gegossen und seither würden da Lobbies der Wissenschaftsorganisationen jedwede substantielle Veränderung zugunsten der in der Wissenschaft Arbeitenden blockieren. „Zudem verstärke eine gegenwärtige politische Ökonomie der Wissenschaft eine Spielart des Kapitalismus, in der sich politisches und ökonomisches Kapital in den Händen weniger konzentriere“ heißt es dann gut bourdieukisch weiter, jedenfalls habe die Mehrheit des wissenschaftlichen Personals keine Lobby, während Wettbewerb den wissenschaftspolitisch Verantwortlichen als der überlegene Steuerungsmechanismus gelte. Nur ein kleiner Teil der Professorenschaft könne sich aus dieser Mühlensituation in die Exzellenzforschung freikaufen**. Zum Ende steht die Feststellung, der Bundestag habe den Schlamassel eingebrockt, der Ball liege nun im Feld der neuen Bundesregierung.

Umso lohnender nun auch die Frage, wie es zu dem Schlamassel kommen konnte, weil man das wissen muss, wenn man was Gutes schaffen will. Das ist umso lohnender weil sich ein Zustand eingestellt hat, den so aller Wahrscheinlichkeit nach niemand gewollt hat. Kurzum das Wissenschaftszeitvertragsgesetz (in der Form, wie es dann 2007 in Kraft getreten ist) war das maximale Unglück das beim Zusammentreffen guter Gemeintheit, neoliberal gestimmter Reformgesinnung und limitierten gesetzgeberischen Vermögens zusammenkommen konnte. Initialzündung war, dass GewerkschafterInnen etwas gegen die auch in den 1990er Jahren schon in Akademia um sich greifenden Kettenbefristungen vorgehen wollten. Sie dachten, wenn man klare Fristen, nach deren Ablauf nicht mehr befristet werden kann, vor und nach der Promotion gesetzgeberisch verankert, dann würde man die Hochschulen dazu bringen, bis dato kettenbefristetes Personal in dauerbeschäftigtes zu überführen. Wissenschaft als Beruf jenseits der Professur sollte damit (wieder) etabliert werden. Die Gelegenheit schien günstig, weil mit Edelgard Bulmahn eine Gewerkschaftskollegin das BMBF übernommen hatte. Nicht so Teil der Rechnung war zum einen, dass in den 00er Jahren das BMBF auf der Referentenebene noch stark FDP-geprägt war. D. h. diejenigen, die sich dann an die Entwürfe setzten, hatten anderes im Kopf als gewerkschaftliche Vorstellungen von Wissenschaft als Beruf. Schlimmer noch war, dass in den Hochschulen eine AdministatorInnengeneration das Heft in der Hand hielt, die ihre berufliche Erfahrungen in der Auseinandersetzung mit Angehörigen einer wissenschaftlichen Dauerbeschäftigtenkaste, die in den späten 1970er Jahren angetreten war, gemacht hatte. Im Ergebnis genossen wissenschaftliche Dauerstellen jenseits der Professur einen ausnehmend schlechten Ruf, sie galten als Altlasten und Ergebnis überkommenen Mißmanagements. Eine Haltung, die noch in den 1990er Jahren reichlich empirische Nahrung vorfand, denn an vielen Orten der Universität gab es knapp 60jährige Dauerbeschäftigte Wissenschaftler (Es waren fast immer Männer), die lehrten, oft wenig forschten, keine Drittmittel einwarben, gleichwohl auf die Lehrkapazitäten und die leistungsbezogenen Mittelverteilung angerechnet wurden. Erschwerend kam hinzu, dass die Politik in den Jahren zuvor die Hochschulen angehalten hatte, sich von Institutionen, deren Charakteristik herausragende Individualrollen ihrer Mitglieder und schwache Organisation war, zu Organisationen, die für sich strategisches Handeln erschließen (sollen), zu werden. Dies war keine Atmosphäre, die das Entstehen eines Hochschulmanagements, welches Interessen von WissenschaftlerInnen in den Mittelpunkt stellt, befördert.

Es kam dann, wie es dann kommen konnte, man aber im Vorhinein nur hätte wissen können, nicht müssen: Die Hochschulen nutzten die sechs Jahres Regelung flächendeckend als eine Deadline nach der alles, was nach sechs Jahren nicht promoviert oder Professor/in war oder mehr oder weniger freiwillig das System verlassen hatte, rausmusste. Hinzu kamen, was die gesetzgeberische Fassung der ersten sechs Jahre (des Zeitraums bis zur Promotion) anbetraf, gesetzgeberische Schlampereien und Unklarheiten, so dass es zunächst so aussah, Zeiten der Beschäftigung als wissenschaftliche Hilfskraft mit einem ersten Abschluss (Ba), seien auf die ersten sechs Jahre anzurechnen. Jedenfalls das Wunschszenario der Gewerkschaften (wieder mehr Dauerstellen) trat nicht ein. Stattdessen ein Gegenteil, starre Fristen für Alle, Ausnahmen in Angesicht von persönlichen Leistungen waren so gut wie nicht möglich.

Etwa zeitgleich zu den beschriebenen Entwicklungen kam es im Zusammenhang der Exzellenzinitiative, später Exzellenstrategie zu einer nennenswerten quantitativen Ausweitung des wissenschaftlichen Personals. Was da hinzukam war immer und überall befristet, im gleichen Zeitraum stagnierte die Anzahl der Professuren. D. h. der sozial toxische Flaschenhals, der überhöhte Übergang von zuarbeitender wissenschaftlicher zu professoraler Tätigkeit behielt Bestand. Das deutsche Wissenschaftssystem verblieb trotz aller Exzellendynamik, die einerseits dem Willen zu hochschulpolitischem Wirksamkeitserleben auf Seiten des Bundes, anderseits dem Ziel, Forschungsgovernanceperformanzen der Universitäten zu prämieren geschuldet war, in seiner personalkategorialen Erstarrung. Und noch schlimmer, die Modi dieser Erstarrtheit strahlen auch auf die wissenschaftspolitischen Diskurse sofern sie die Personalstruktur der Wissenschaft betreffen ab. Eine Ausnahme davon bildet derzeit nur die Debatte über Tenure von Juniorprofessuren wie sie Florian Meinel und andere vor wenigen Wochen an gleicher Stelle geführt haben, ab.

Was sollte nun passieren? Zunächst einmal ist nicht davon auszugehen, dass die neue Bundesregierung einen Anlauf unternimmt, in Hinblick auf die Arbeit in der Wissenschaft eine Trendwende einzuleiten. Warum sollte sie das auch tun, wenn in der Wissenschaft nichtprofessoral Beschäftigte von den Gewerkschaften einmal abgesehen keine Lobby haben. Und die Gewerkschaften selbst haben mit ihrer Zustimmung zum TVÖD, deren Verschlechterungen so richtig ja eigentlich nur bei Denjenigen einschlugen, die in der Wissenschaft bei wechselnden Arbeitgebern in wechselnden Bundesländern beschäftigt waren und sind, auch nicht unbedingt eine Pole-Position im Attraktivitätswettbewerb errungen. Allerorten ist, was das Thema Personalstrukturdebatte der Wissenschaft anbetrifft auch Erstarrung und Sprachlosigkeit zu konstatieren. Zwischen einer Gewerkschaftsseite, der es um Wissenschaft als Beruf geht und einer Managementperspektive, die sich um flexible organisationale Performanzen und Strategien kümmert gibt es nicht viel zu besprechen. Vermutlich braucht es auch keine gefühlt zehnte Auflage eines Bundesberichtes Wissenschaftlicher Nachwuchs (BuWiN), der weitestgehend überraschungsfrei die immer gleichen Zahlen mit den immer gleichen dahinterliegenden Entwicklungen dokumentiert und diese vielleicht noch mit Themen wie Vereinbarkeit von Karriere und Beruf koreliert.

Vielversprechender scheint mir eine Annäherung die bei den Schäden ansetzt, die die personalpolitische Malaise bei der Wissensproduktion anrichtet. Zunächst wäre da der Umstand, dass die Forschung großteils von Abhängigen, Befristeten verrichtet wird, schließlich kommen die verbeamteten Oligarchien kaum mehr wirklich dazu bei all den Management-, Repräsentations- und Koordinationsaufgaben, die sich bei denjenigen konzentrieren, die die Spitzen des Systems ausmachen. Die Frage wäre also nicht, wie kriegen die, die da sind das, was ihre Vertretungs- oder Stellvertretungsorganisationen wollen, sondern, wie kann gute Arbeit in einem innovativen und produktiven Wissenschaftssystem aussehen.** Dies ist – wie es sich für mich derzeit darstellt – eher eine Aufgabe für organisationssoziologisch informierte Wissenschaftssoziologie (vielleicht eine, die Richard Whitleys Konzept der Authority Relations aufgreift).

Dann ist eine reflektierte Debatte über die Projektifizierung des Forschungsgeschehens notwendig, die qualitativ und quantitativ zu führen sein wird. Die qualitative Dimension fragt nach den epistemischen Auswirkungen von Projektifizierung, die quantitative würde danach fragen, wie es weitergehen soll, denn die Wissenschaft beherbergenden Organisationen müssen sich mit dem Gedanken vertraut machen, dass eine Entwicklung des immer Mehrs, des stetigen Wachstums aufgewandter Mittel möglicherweise nicht für immer so weitergehen wird. Zukunftsfähig ist eine Perspektive nur dann, wenn sie mit qualitativem Wachstum, einer Zunahme zivilgesellschaftlicher Bezugspunkte von Forschung verbunden ist, andernfalls wird eine Zeit kommen, zu der die Forschungspolitik und die Forschungsorganisationen genötigt sein werden, die Rückwärtsgänge einzulegen. Das hat es in vielen Universitäten in den 1990er Jahren schon einmal gegeben und für eine Vorwärtsentwicklung war das seinerzeit nicht gut und hat das Entstehen von innovativen Forschungsarrangements und neuen Themenkomplexen um Jahre zurückgerufen.****

Mein Vorschlag wäre, eine Neudebatte über eine wissenschaftliche Personalstruktur der Zukunft einzuleiten und dabei einerseits das Verhältnis von Personen, FachvertreterInnen und Organisationen (dabei wird man vermutlich auch über neue Strukturen, Departments z. B. wie dies die Junge Akademie vorschlägt reden müssen) (ein Blogtext dazu von mir steht hier), andererseits die Vielfalt neuentstandender Gesellschaftsbeziehungen der Wissenschaft einzubeziehen, da geht es dann auch um Neue Formen der Demokratisierung. TrägerInnen dieser Debatte sollte m. E. Randakteure, Nachwuchsorganisationen des wissenschaftspolitischen Geschehens sein, nicht diejenigen die uns in die derzeitige Stagnation geführt haben. Das Problem wird sein, wie es gelingen kann, die Sachwalter des status quo dafür zu gewinnen, dass sie mit einer Beibehaltung der erstarrten Strukturen ihrerseits nichts zu gewinnen haben.

 

*Ariane Leendertz/Anette Schlimm/Eva-Marie Troelenberg/Martin Seeliger/Matthias Goldmann/Thomas Etzenmüller/Marion Höppner: Flexible Dienstleister der Wissenschaft. Hätte ich hier verlinkt, wenn FAZ-Artikel für mich trotz auf FAZ.DE deaktiviertem Ad-Blocker erreichbar wären. Leider sieht der FAZ-Server das anders.

**Obwohl gerade Teile dieses Teils der ProfessorInnenschaft dieses Freikaufen durchaus ambivalent erleben und feststellten dass das Freikaufen von der Lehre dazu führt, dass man sich nur noch mit Exzellenzkram (Meetings über Meetings mit Leuten, denen man kaum was zu sagen hat, Dienstreisen und das Verfassen von absichtsschwulstgesättigter Antragsprosa) herumschlage.

***Ehrlich gesagt, ertappe ich mich bei solchen Denkgelegenheiten manchmal bei Retrodiskursen und wünsche mir, dass es heute zeitgenössische Äquivalente der Bundesassistenkonferenz geben sollte, weil derzeit einfach organisationale TrägerInnen eines zukunftsorientierten Wandels fehlen. Leider ist die BAK schon in den letzten Jahren ihrer Existenz zu sehr in Richtung hochschuldidaktisch-bildungspolitischer Perspektiven gedriftet (was ihr Aufgehen in der GEW dann auch plausibel erschienen ließ).

**** Carsten von Wissel: Disziplinäre Kontraktion anstatt Interdisziplinarität. Überlegungen zur Nachhaltigkeit von Universität. In: Forum Wissenschaft 2/1998, S. 48–50.

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