Zur Rezeption von Hedwig Richters „Demokratie eine Deutsche Affäre“ und warum uns historische Analysen ge- oder mißfallen

Als Hedwig Richter vor etwa vier Monaten ihr Buch „Demokratie, eine deutsche Affäre“ vorlegte, gab es neben freundlichen Rezensionen und einer Nominierung für den Bayerischen Buchpreis auch einige Beschwerderezensionen. Nicht alle fanden das Buch gut, sie twittere zuviel, sei eher solch ein Medienphänomen ließ Elke Schmitter im Spiegel wissen, würde nur Frauen bei ihrer Körpergeschichte berücksichtigen, sich aber für den in Fabrik und Militärdrill zugerichteten Männerkörper nicht interessieren, meinte Stefan Reinecke bei der TAZ, als gebe es weder Militär- noch Industriegeschichte, in der jeweils Männer weit häufiger und paradigmatischer vorkommen als Frauen. Reinecke fand dann auch Richters Perspektive sei eine „seltsame Melange aus Konservatismus und Feminismus“, u. a., weil sie Revolutionen nicht die gebührende Wichtigkeit einräume.

Besondere Mühe aber hatte sich die Historikerin Franziska Augstein in der Süddeutschen Zeitung gegeben. Elastisch sei das Buch, sagt sie, was kein Kompliment ist, vollkommen unklar sei, was Richter sagen wolle. Was Richter als Thesen präsentiere, seien gar keine, weil das, was sie sage, sei in einem Fall schon seit Langem bekannt, die zweite These, dass Demokratiegeschichte eine Geschichte der Einschränkungen der Demokratie sei, sei auch keine, sondern bestenfalls eine Feststellung und ihre dritte These sei Unsinn, weil alles, was sie zu Körperbezügen der Demokratie sage, könne man auch ohne diese Bezüge sagen, ohne am Aussagengehalt der Sätze etwas zu ändern. Was dann noch kommt in der Rezension, ist kaum der Rede Wert und von der Art triefender Häme, Bösartigkeit und negativen Energie getragen, wie sie fast nur Historiker*innen im Streit widerstreitender Schulen füreinander aufzubringen vermögen.

Selbstverständlichen fallen solche Sätze auf diejenige zurück, die sie schreibt, interessant ist die ganze Auseinandersetzung dann auch nicht wegen solcher Rezensionen, sondern, weil die Vorbehalte, die darin thematisiert werden, auf innere Selbstbeschreibungsbedürfnisse linken Denkens in Deutschland und den deutschen geschichtswissenschaftlichen Diskurs verweisen. Die innerhistorischen Schulenstreitereien, die solchem journalistischem Rezensieren zugrunde liegen, will ich als Politikwissenschaftler und Soziologe auch gar nicht bewerten, mir reicht immer schon, wenn Geschriebenes anderer Fachrichtungen plausibel ist, und das ist Richters narrativer Bogen ja ohnehin. Das unter der Hand in Rezensionstexten anzutreffende Geraune, das, was sie mache, sei (zu) flott geschrieben, ja irgendwie keine Primärwissenschaft, kann man getrost ignorieren und sich der wirklich interessanten Frage, warum sich die Leute so aufregen, zuwenden.

Ein Grund für Aufregung ist Richters alles andere als positive Bezugnahme auf Revolutionen. Richter erschüttert die Auffassung, der wahre Treiber des Neuen in der Politik seien Revolutionen und untergräbt diese mit dem Gedanken, dass Revolutionen neben Neuem auch Regressives in die politischen Prozesse eingebracht hätten. Besonders ausformuliert ist dieser Gedanke bei ihren Ausführungen über die erstickten Revolutionen, aber vollentwickelten Barrikadenkämpfe um die Mitte des 19. Jahrhunderts. Diese hätten, argumentiert Richter, der Sache der Frauen keinen Dienst erwiesen, gerade, weil die Barrikadenbauerei Frauen zurück an die Herde und in die Häuser getrieben habe.

Auch Richters Aussage, Demokratie sei zunächst und auch später ein Elitenprojekt gewesen, gefällt nicht allen. Haben doch die meisten in der Schule gelernt, sie hätte gegen Widerstände der Aristokratie, der Herrschenden erkämpft werden müssen und sei, da ist sie wieder dieser Erzählfigur, eine Frucht revolutionärer Kämpfe. Und zudem glauben die weitaus meisten, sie sei immer gut. Die Aussage Kriegstaumel der Jahre vor 1914 sei auch ein Ergebnis von Massendemokratie, ist insofern eine Provokation, schließlich ist die Überzeugung, Kriegslust sei eine Folge preußischen Militarismus und Untertanengeistes weit verbreitet. Gerade links der Mitte gibt es eine Gewohnheit, Massendemokratie für prinzipiell gut zu halten. Konservative haben schon länger gewusst, dass sie nicht immer Segen bringen muss, aber linkes Denken hat sich gerade als Gegenpol zur konservativen Abneigung gegen den Plebs entwickelt. Sich dagegen zu positionieren, ist jahrzehntelang eingeübt.

Richter rührt damit an wunden Punkten linken Demokratieverstehens und Meinens. Der Vorwurf, sie habe die falschen Historiker, zu viel Nipperdey, zu wenig Wehler gelesen, findet sich deshalb wiederholt in den Besprechungen ihres Buches. Der Widerstand, der ihr gerade von Historiker*innen entgegenschlägt ist insofern umso interessanter, als es gerade ehemalige Studierende der Geschichtswissenschaft zu sein scheinen, die Historiographie weniger für eine Wissenschaft und mehr für einen politischen Kampfplatz halten, auf dem es gelte, keinesfalls hinter die Errungenschaften von Fischer und Wehler zurückzufallen. Einlassungen wie die Richters sind aus einer solchen Perspektive störend.[1]

Liest man Richter politikwissenschaftlich sind ihre Bemerkungen, dass die Art Inklusion unterer Stände, wie sie im Zuge der Entstehung europäischer Nationalismen im 19. Jahrhundert stattfand, nur auf der Basis Sinn ergeben konnte, dass es Grenzen gibt, alles andere als überraschend. Der Demokratie wohnte von Anfang an ein Antiuniversalismus inne, sie konnte immer nur deshalb sein, weil sie eben keine Demokratie aller war, sondern die einer bestimmten Gruppe, die ethnisch oder räumlich abgegrenzt war. Man kann eben das aber auch wie Lessenich als einen initialen Skandal der nationalen Demokratien lesen,[2] der dadurch erst recht nicht aufgehoben wird, dass die Gebilde, die wir heute Nationen nennen, allzu oft auf nicht wenig fragwürdige Art zustande gekommen sind. Das der nationalen deutschen Selbstbeschreibung verinnerlichte Bedürfnis, als Nation auf besonders fragwürdige Art zustandegekommen zu sein, steht insofern mit Pate bei der Entstehung der Lehre vom Kaiserreich als einer dunklen, vor- und nichtmodernen Zeit, in der mit der Reichsgründung 1871 Deutschland falsch abgebogen sei und von da an sich dem NS entgegenentwickelte.

Wir sind es gewohnt, zu denken, dass es nicht gut war, das erlaubt es einerseits, ein bisschen auf die naiven Nationalismen der Nachbarn herabzublicken, die Größenphantasien Frankreichs, die Konzeptualisierung von Staatlichkeit als Idylle Dänemarks, über sowas sind wir Deutsche hinweg. Andererseits hat es auch etwas Beruhigendes, weil gerade die Sonderwegserzählung besagt, dass das, was in Deutschland passiert ist, passiert sei, weil Deutschland nicht so ganz Westen, hin und hergerissen zwischen Westen und, ja was eigentlich Osten (?), war. Dieses weder Westen noch Osten sein, das dieses Narrativ Deutschland zuschreibt, besagt dann auch, dass Deutschland erst nach 1945 wirklich Teil der Moderne geworden sei. Dabei ist es sehr hilfreich, eine gerade Linie vom Militarismus des Kaiserreichs zum NS zu ziehen und erst gar nicht die Frage aufkommen zu lassen, inwiefern der NS auch Teil des Westen, auch Teil der Moderne war.

Richters Buch stört diese Beruhigtheit, erlaubt einen Blick auf das, was war und ist dabei nicht auf postkoloniale Plattitüde angewiesen, die die lange Linie vom Afrikahandel der Fugger zur Kulmination der europäischen Moderne im NS, in dem sie sich in all ihrer Schrecklichkeit selbst gefunden habe, zu ziehen neigt. Diese irritierende Parallele von deutscher Sonderwegserzählung und postkolonialem Modernenarrativ zu untersuchen, würde sich vermutlich lohnen, ist aber im Rahmen eines solchen, wie hier schnell geschriebenen Blogtextes nicht zu leisten. Es fällt auf, dass es sich in beiden Fällen um Erlösungslehren handeln könnte, die insofern hoffnungsfroh sind, weil sie die Möglichkeit einer Flucht aus der Historie avisieren, indem sie es für erstrebenswert halten nicht Deutsch und nicht europäisch modern zu sein. Mit ihren langen Linien bedienen beide Narrative ein Bedürfnis, Zusammenhänge überblickend zu erscheinen. Sie führen damit ein Ermächtigungsmoment mit sich, das dem von Verschwörungsnarrativen oberflächlich ähnelt, allerdings beschränkt sich diese Ähnlichkeit auf die Oberfläche und es wäre zu prüfen, ob sie tiefer reicht.

Vor dem Hintergrund all dessen erscheint es mir zumindest berechtigt, Richters Buch als anregende Lektüre zu bezeichnen zumal es mir als Nichthistoriker leicht fällt, mich vom innerhistorischen Lagerstreit nicht berühren zu lassen. Dazu ist ist es gar nicht nötig, jeden von Richters ja durchaus meinungsfreudigen Schlüssen nachzuvollziehen, es genügt, zu lesen, was sie zu sagen hat. Die Rezeption ihres Buches hingegen wirft ein Schlaglicht darauf, wie wissenschaftliche Ergebnisse außerhalb der Wissenschaft rezipiert werden. Auf den ersten Blick erscheint es mir, als gebe es erstaunlich wenig und nur recht entlegene Forschung darüber, was an und warum wissenschaftliche Arbeitsergebnisse in der Öffentlichkeit da draußen gefallen. Damit verbundene Fragen scheinen auf interessante Weise durch die Raster disziplinärer Relevanzen zu fallen. Psychologie und Spieltheorie haben sich mit solchen Fragen befasst, z. B. vor langer Zeit hier, und dann gibt es noch ein bisschen fast schon erziehungswissenschaftlich zu nennende Forschung darüber, was Studierende motiviert, sich wissenschaftlichen Fragestellungen zuzuwenden. Und zu verwandten, entlegenen vom Thema wegführenden Fragen gibt es noch was, so innerhalb der Physik, ob und wie die Ästhetik von Theorien von Belang sein sollte,[3] aber die großen Fragen bleiben weitgehend unbearbeitet: Welche epistemischen Besonderheiten machen eine wissenschaftliche Theorie politisch interessant oder gar beliebt und wie kommt außerwissenschaftliche Relevanz wissenschaftlicher Arbeitsfelder zustande?

In der Geschichtswissenschaft, in der Wissenschaftsgeschichte sollte es dazu eigentlich etwas geben, ich vermute aber, dass die fachlichen Orientierungen in der Wissenschaftsgeschichte verhindert haben, das solche Fragen in den Fokus der Forschung gerieten, denn dazu bräuchte es eine historische Wissenschaftssoziologie bzw. eine historische Soziologie politischen Wissens, was es beides nicht gibt. Vielleicht müsste man an den Anfang historisch orientierter STS gehen und wie damal Schaffer und Shapin sich die Royal Society angeschaut haben, sich ansehen, wie wissenschaftliche Wissensbestände aus Ökonomie und in der Entsthehung begriffenen Sozialwissenschaft politisch wirksam geworden sind und Eingang in die Formulierung politischer Geltungsansprüche gefunden haben.

 

[1] Christoph Nonn hat vor ein paar Wochen in Aus Politik und Zeitgeschichte mit dem kleinen Aufsatz Von Helden, Schurken und Sonderwegen das politische Hie und Da der Geschichtswissenschaft beschrieben, allerdings scheint auch Nonn nicht über den innerhistorischen Lagerkämpfen zu stehen, wie Peter Schöttler hier aufzeigt. Offenbar kann man sich da nicht nicht positionieren.

[2] Vgl. z. B. Stefan Lessenich (2019): Grenzen der Demokratie; Stuttgart: Reclam, dazu auch in Philip Manows 2020 erschienenem Essay (Ent)-Demokratisierung der Demokratie (Frankfurt a. M., Suhrkamp) S. 152 ff..

[3] Und ein Ökonom hat mal untersucht, wie sich die Attraktivität von Lehrenden auf die in Bezug auf die ihnen von Studierenden zugeschriebene Kompetenz auswirkt. Fieser Nebeneffekt dabei, nur bei Männern wurde gutes Aussehen positiv angerechnet (nicht unspannend wäre es, dieselbe Untersuchung angesichts angewachsener Wokeness bei Studierenden zu wiederholen).

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