Departments statt Lehrstühle. Nachklapp zu einem Berliner Symposium der Jungen Akademie

Vor drei Tagen hat die Junge Akademie zur Diskussion über ihren Vorschlag, Probleme der Universität mit einer Departmentstruktur zu lösen, geladen (ein Bericht zum Symposium steht hier). Grundlage der Veranstaltung war ein im Herbst vergangenen Jahres erschienener Debattenbeitrag der AG-Wissenschaftspolitik der Jungen Akademie. Vor zwei Jahren habe ich mich selbst hier auch schon mit dem Thema beschäftigt.

Der Vorschlag der Arbeitsgruppe setzt an der Personalstruktur an: Haushaltsstellen für Wissenschaftliche MitarbeiterInnen sollen kostenneutral in Professuren umgewandelt werden, die dann nicht mehr im Zentrum von Lehrstühlen sind, sondern die Regelbeschäftigungsposition der Wissenschaft bilden würden. Anders als in der nach dem Lehrstuhlprinzip organisierten Universität sollen nichtwissenschaftliche Ressourcen nicht mehr den Fachgebieten/Lehrstühlen, sondern den Departments zugerechnet werden, Sekretariate z. B. gehörten dann nicht mehr den Fachgebieten an, sondern sie wären im Rahmen eines Pools des Departments organisiert, auch Haushaltsmittel wären auf Ebene der Departments gepoolt.

Um die angestrebte Kostenneutralität des Departmentsmodells zu erreichen sollen im Gegenzug der Ausweitung der Professuren die bisherigen Mittelbaustellen wegfallen. Beschäftigungsperspektiven unterhalb der Professur gäbe es dann nur noch für Drittmittelbeschäftigte. Lösen würde solch ein Departmentmodell das Problem, dass derzeit nur ein Viertel derer, die an einer Promotion sitzen und diese abschließen eine Aussicht haben, auf eine Professur zu gelangen. Zum anderen würde das Modell den Widerspruch beheben, dass Wissenschaft nicht hierarchischen Kriterien folgen kann, im Idealfall ein sokratischer Diskurs unter Gleichen ist.

Allerdings setzt das Modell als personalstrukturpolitisch motiviertes in erster Linie bei der erstgenannten Problemkonstellation an. Es will schlicht die Anzahl der verfügbaren ProfessorInnenpositionen erhöhen, um mehr WissenschaftlerInnen die Gelegenheit zu geben, ProfessorIn werden zu können. So ist der Text der die Veranstaltung begleitet an anderen Fragen auch vergleichsweise desinteressiert. Die Frage der epistemischen Konsequenzen, ob es in Bezug auf Wissensproduktion und ihre Zukunft Argumente geben könnte, vom Lehrstuhl- bzw. Fachgebietsprinzip abzugehen, wird nicht adressiert. Ebenso wenig wird die organisationssoziologische Frage, ob es neben Fakultäts- und Institutsebene eine geeignetere Ebene zur Vermittlung fachlicher und universitätsorganisationaler Handlungslogik geben könnte, behandelt. Auch der organisationale Ort der angestrebten Departments, ihre Stellung im Kontext von Fakultäten, Fachbereichen und Instituten wird nur äußerst knapp angesprochen. Damit vergibt das Papier m. E. das eine oder andere Argument, andererseits lässt sich argumentieren, dass so einer thematischen Überfrachtung des Modells Einhalt geboten werden kann und eine Fokussierung auf die personalpolitisch motivierte Ausgangsüberlegung möglich wird.

Dennoch wurde in der Diskussion deutlich, dass die Fokussierung, welches Problem mit einer Departmentstruktur denn nun angegangen werden sollte, trennschärfer hätte vorgenommen werden könnte. Dies um so mehr, als neben viel Wohlwollendem auch so einiges an Kritik vorgebracht worden ist. Deutlich wurde in der Diskussion auch, wie bedeckt sich das Papier in Bezug auf die angestrebten Departments hielt, ob diese nun Institute, Fakultäten oder Fachbereiche alter Ordnung substituieren oder diesen Strukturen assistierend zur Seite stehen sollen. Obwohl es als sicher gelten kann, dass für alle diese Fragen adäquate Einzelfalllösungen gefunden werden könnten.

Kritik am Vorschlag setzt an diversen Stellen an. Zunächst einmal an der Vorstellung, haushaltsfinanzierten Mittelbau abzuschaffen und das Promotionsgeschehen und seine Förderung Drittmittelgebern und Promotionsförderern zu überantworten. Mehrfach wurde in diesem Zusammenhang die Frage aufgeworfen ob der Vorschlag, an dieser Stelle auch in Bezug auf die verschiedenen Fächergruppen und ihre Fördermittelverhältnisse zu Ende gedacht sei. Ernst Ludwig von Thadden aus Mannheim schlug in seiner Stellungnahme deshalb vor, die Departmentstruktur flächendeckend mit Graduiertenschulen zu ergänzen (17, alle folgenden Seitenzahlen beziehen sich auf das pdf des oben verlinkten Debattenbeitrags).

Je nach Perspektive der KommentatorInnen ging es in den Stellungnahmen entweder kritisch um die Absicht der Kostenneutralität (27) oder zustimmend, wenn es sich bei den Kommentierenden um PolitikerInnen handelte: Dann hieß es wie z. B. bei CDU-Politiker Stefan Kaufmann, dass doch wohl fürs gleiche Geld mehr Leistung drin wäre (29). Kaufmann stimmte damit in das bei HochschulpolitikerInnen beliebte Narrativ ein, dass Leistungsdefizite auf Seiten der Hochschulen mit Anstrengung der dort Arbeitenden zu beheben und keinesfalls politisch anzugehen, seien.

Ottfried Jarrien ein Politikwissenschaftler aus Zürich hält dem Papier, was die Konkretion betrifft, eine gewisse Blassheit vor und äußert den Verdacht, es verbürge sich hinter dem Departmentbegriff eine Art Container des Gutgemeinten, zusammengestellt aus Hierarchiefreiheit, Kooperation auf Augenhöhe, mehr Zeit für Forschung und natürlich auch Lehre und mehr (37), als Kern des Papiers sieht er allerdings eine überzeugende Idee, die Implementierung eines (wie er das nennt) AP-TT-Systems*.

Dagmar Simon meint (unter Verweis auf Michele Lamont), dass eine Departmentstruktur interdisziplinäre Zusammenarbeit fördern würde (39), stellt aber die von Vielen gestellt Frage, ob es nötig und zielführend sein würde, auf einen haushaltsfinanzierten Mittelbau zu verzichten. Stefan Hornbostel  schließlich bemängelt, dass die vorgeschlagene Struktur das Problem des Zwei-Klassen-Betriebes (und damit Momente der sozialen Toxizität des Wissenschaftsbetriebes) nicht aufheben würde, eher im Gegenteil, und dass es insofern halbherzig sei (41). Eine wirkliche Reform sähe er darin ein aufgabendifferenziert ProfessorInnenschaft zu schaffen. Jarrien verweist damit m. E. auf einen der spannendsten Aspekte des Departmentstrukturvorschlages, der darin besteht Bewegung in die in Deutschland erstarrte Debatte über die Personalstruktur der Wissenschaft zu bringen. Zurecht sieht er das Papier dabei auf halbem Wege stehen geblieben.

Insgesamt gesehen aber, fallen die Stellungnahmen wohlwollend, wenn nicht zustimmend aus. Für die von Oliver Günther (das ist der Präsident der Universität Potsdam) trifft das hingegen nicht zu. Günther hält die Problemdiagnose des Papiers im Kern für falsch. Er meint, keins der dort adressierten Probleme ließe sich nicht auch anders mit jetzt schon zur Verfügung stehenden Mitteln lösen und wenn dies nicht passiere, dann sei das nicht ein strukturelles Problem, sondern Führungs-/Managementversagen der Verantwortlichen. Zudem sein die Möglichkeit eine Lehrstuhl haben zu können ein Wettbewerbsvorteil der deutschen Universitäten im Ringen um „beste Köpfe“.

Ob man hier Günther folgen kann ist unklar, mir schient, dass er die transformativen Potentiale des Vorschlages nicht sehen kann oder will, ich frage mich allerdings auch, ob Departments als bloße Idee, bloße Zielstellung ihrerseits geeignet sind, das Versprochene und Erwartete einzulösen. Die Bremer Erfahrung, die Philip Manow in seinem Vortrag beschrieben hat, scheint in diese Richtung zu weisen. Dort steht die Idee auf dem Papier, in der realen Welt fällt es nicht ganz leicht Spuren, die sie hinterlässt, aufzuspüren. Es ist nicht klar, worin der Unterschied zwischen dem Department für Politikwissenschaft und dem Institut für Politikwissenschaft (der Realstruktur) bestehen soll. Nach wie vor gibt es die Fachgebiete, deren Strukturmuster die Universität fortzuschreiben scheint, keine einzige Professur ist bislang planerisch in die Struktur des Departments übergegangen, sagt Manow.

Das zeigt zunächst einmal, dass der Übergang steinig ist, aber auch dass einiges noch nicht vollends zu Ende gedacht zu sein scheint. Einen Realisierungspfad würde ich in einer fachkulturspezifischen Nachschärfung des Konzeptes sehen, in einer Verknüpfung des Nachdenkens über Universitätsorganisation mit dem über Wissensproduktion. Man müsste dann genauer nachsehen, wie amerikanische Universitäten besser darin sind, neue Themenfelder zu erschließen. Dann würde sich zeigen, ob die hierzulande gegebene Unkündbarkeit von Verbeamteten oder, die Erwartung, das gesamte Spektrum einer Disziplin in Forschung und Lehre abzubilden das Hindernis darstellen. Es würde m. E. auch helfen, zu klären, ob man mit einer Departmentstruktur „nur“ dafür sorgen will, dass es mehr Professuren gibt oder auch für eine bessere Verzahnung von fachlichen und organisationalen Handlungslogiken sorgen will. Träte man auch für Zweiteres ein, könnte es gelingen, auch bei Hochschulleitungen ein originäres Interesse an einschlägigen Veränderungsprozessen zu gewinnen.

* Assistenzprofessur-Tenuretrack

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