Anmerkungen zur Krisendebatte der Politikwissenschaft

Die Kritik drittmittelbetriebener Forschung war zunächst linken wissenschaftspolitischen Diskursen vorbehalten. Aus einer kapitalismuskritischen Argumentation heraus ging es darum, den Einfluss von kaptialistischen Interessen auf Wissensproduktion zu problematisieren und nicht zu groß werden zu lassen. Dazu war es nötig, davon auszugehen, dass die Bedeutung drittmittelfinanzierter Forschung immer mehr zunimmt, der Einfluss, den Drittmittel in der Forschung haben immer größer wird. Dazu passten die Steigerungsnarrative, die sich Hochschuladministratoren zu erzählen angewöhnt hatten oder die Aussagen der Leiter naturwissenschaftlicher Institute und Forschungsgruppen, dass ohne Drittmittel nichts mehr gehe. Dazu passte natürlich auch, das Bild einer ständig fortschreitenden Managerialisierung von Hochschulen und das sich immer breiter machende sog. Wissenschaftsmanagement.

 

Dennoch stimmt dieses Bild gleich in mehrfacher Hinsicht nicht. Schon allein deshalb, weil Drittmittel hierzulande in ganz überwiegendem Maße Zweitmittel sind, Drittmittel im engeren Sinne (also Mittel, die von der privaten Wirtschaft aufgebracht werden) nur in Teilbereichen der Forschungslandschaft (Fraunhofer Institute, Teile der Naturwissenschaften, Technische Universitäten, und ehemalige Fachhochschulen) eine quantitativ bedeutsame Rolle spielen. Der Satz, dass es in der Wissenschaft einen immer größeren Einfluss privatwirtschaftlicher Forschungsfinanziers gibt, stimmt somit schon einmal nicht. Was allerdings einen immer größeren Einfluss auf die Forschung entfaltet sind Zweit– also öffentliche Mittel von EU, BMBF und DFG. Viele mit ihrem Einsatz kritisierte Effekte wären daher korrekter unter dem Oberbegriff Projektifizierung diskutiert. Zweitmittel sind für HochschulpolitikerInnen selbstverständlich eine tolle Sache, denn sie erlauben eine Programmierung der Forschungseinrichtungen, bei gleichzeitigem Betonen von Hochschulautonomie. Nicht zuletzt deshalb war in den letzten Jahrzehnten eine Stagnation oder gar ein Rückgang der Grundfinanzierung der Hochschulen zu beobachten.

 

Weil eine Hochschule ohne Forschungsprojekte, die über Dritt- und Zweitmittel in nur geringem Umfang verfügt, als eine schlechte Hochschule gilt, müssen HochschulpolitikerInnen gleich welchen politischen Hintergrundes das Einwerben von Projektmitteln begrüßen und unterstützen, eine Kritik der damit verbundenen Nebenfolgen ist hochschulpolitisch nur schwer diskutierbar. Viele reden zwar von der Notwendigkeit die Grundfinanzierung der Hochschulen aufzustocken, ob das dann aber wirklich geschehen wird, angesichts von knappen Landeshaushalten und Schuldenbremsen, steht auf einem anderen Blatt. Projektmittel, wenn es geht eine Steigerung dabei, wollen aber alle, immer. Wer sollte auch sagen, er wünsche sich weniger davon. Erschwerend kommt hinzu dass ganze Forschungsbereiche (so die angewandte ökologische Forschung) fas ausschließlich von Zweitmitteln in Form der Projektfinanzierungen leben.

Eine Kritik der Projektifizierung, die Bemerkung, dass sich Balancen verschöben, eine Situation gegeben sei, dass eine Steigerung der gegebenen Entwicklung eine Entwicklung zum Schlechteren bedeuten würde, konnte man zwar als Interviewer in Expertengesprächen vernehmen, wenn man es hören wollte, laut und öffentlich sagen, würde so etwas bis heute aber kaum jemand.

 

Möglicherweise aber beginnt sich nun aber etwas zu ändern. Es gibt Konturen einer bürgerlichen Kritik der Projektifizierung und Drittmittelorientierung der Wissenschaft. Meistens erscheint diese Art der Drittmittelkritik im Gewand einer disziplinspezifischen Krisendiagnostik. So haben Eckhardt Jesse und Frank Decker vor knapp zwei Wochen in der FAZ am Beispiel der Politikwissenschaft beklagt, dass eine überbordende Projektförmigkeit und Drittmittelorientierung auf Kosten der öffentlichen Wahrnehmbarkeit des Faches gehe. Denn der Politikwissenschaft fehlen sowohl die großen Monographien als auch die kleinen dennoch intellektuell spannenden Zeitungsartikel mittels derer mit einem außerfachlichen Publikum kommuniziert werden könnte. Erschwerend kommt – über die Bemerkungen von Jesse und Decker hinausgehend – hinzu, dass die Politikwissenschaft als Betriebssystem der neuentstandenen Nachkriegsdemokratie nicht mehr benötigt wird. Ökonomie und Geschichtswissenschaften hätten ihre Medienpublika, die Politikwissenschaft habe so etwas nicht. Ein eigenes Praxisfeld wie die Psychologie hat die Politikwissenschaft nicht, immer muss sie mit anderen Disziplinen konkurrieren. Es bleiben die Fernsehpolitologen, die regelmäßig nach Wahlen auf den Plan treten, dabei aber immer wieder den Nachweis schuldig bleiben, was ihr Tuen von dem von Journalisten unterscheidet.

 

Die Schuld für diese Entwicklungen sehen Jesse und Decker beim Nachwuchs unter 50, die würden nur in fremdsprachigen Hochimpactzeitschriften veröffentlichen heißt es im Text. Schnell gab es eine Antwort darauf. Dabei ging es im wesentlichen um den Generationenaspekt: Hannah Bethke konstatierte vor einer Woche auch in der FAZ, dass es ja wohl die Ü50Jährigen seien, die mit ihren Berufungskriterien für das von Jesse und Decker inkriminierte Verhalten sorgten. Bethke verweist allerdings sinnvollerweise auch darauf, dass die Politikwissenschaft kaum einen Alleinbetroffenheitsanspruch stellen könne, vielmehr seien alle Sozialwissenschaften von tendenziell gleichen Effekten betroffen, die Bologna-Universität mit ihrem Mix aus Standardisierung und Überbetonung von Praxisanschlüssen würde doch alle Sozialwissenschaften gleichermaßen betreffen. Warum also sollte die Politikwissenschaft darunter mehr leiden als andere Fächer. Eine Antwort auf diese Frage weiß Sebastian Huhnholz der zweite Autor, der in der FAZ vom 04. Mai auf Jesse und Decker reagiert hat, auch nicht. Er ist allerdings auch der Meinung, dass die ganze Krisendiagnose nicht der Wirklichkeit entspricht und das Jesse und Decker es versäumt hätten, auf die Leistungen der Politikwissenschaft in ihrer ganzen Breite einzugehen. Auch Hunhnholz kommt ähnlich wie Bethke zu dem Ergebnis, dass Jesse und Decker nicht klarmachen, warum das, was sie beklagen, die Poltikwissenschaft in anderer, wohlmöglich weiterreichernder Form betrifft. Dementsprechend sieht Hohnholz ein Hauptproblem des Beitrages in seinem sehr traditionellen Fachverständnis.

 

Die Diskussion kreist also um politikwissenschaftliche Selbstbespiegelung, eine Diskussion dessen, was sich für die Politikwissenschaft in Hinblick auf ihre Existenzbedingungen als wissenschaftliche Disziplin ändert, gibt es bis hierher nicht. Substantiell eingehen auf das Projektifizierungsproblem mochte bislang auch niemand. Auch die Frage, warum Politikwissenschaft von Projektifizierung und Bolognabegleiteffekten stärker betroffen sein könnte/sollte, als andere Disziplinen, bleibt bis auf weiteres unbehandelt. Interessant wäre es zu wissen, ob das Problem der Politikwissenschaft damit zu tun hat, dass sie sich ihrer Gegenstände nicht sicher ist, dass der epistemische Kern der Disziplin nicht hinreichend abgrenzbar ist. Anders als den anderen Sozialwissenschaften fehlt der Politikwissenschaft ein Kernsatz und sei der nur von solch einer Qualität wie das Durkheimsche Diktum in der Soziologie, Soziales nur aus Sozialem zu erklären. Vielleicht aber war die Politikwissenschaft von Anfang an eine interdisziplinäre nicht in einer festen disziplinären Struktur gefasste (Inter-)Disziplin. Ihre frühbundesrepublikanische Fassung als Demokratiewissenschaft wäre dann zwar damals eine gute Sache gewesen, aber eben kein nachhaltiger Rahmen, um als Wissenschaft langfristig existieren zu können.

Der Kern der Politikwissenschaft ist deshalb kaum zu sehen und seine Konturen sind erst dann sichtbar, wenn man in den Blick nimmt, was benachbarte Disziplinen wie Rechtswissenschaft, Ökonomie, Philosophie, Soziologie oder Philosophie nicht machen. Es hat der Politikwissenschaft nicht immer zum Vorteil gereicht, dass sie sich wiederholt an den vermeintlich besser gefassten Nachbardisziplinen orientiert hat und Teile der Politikwissenschaft versucht haben, zu einem quantitativen Fach zu werden. Besser wäre es vermutlich, wenn die Politikwissenschaft ihrerseits mehr mit offenheitsorientierten Forschungsfeldern wie z. B. den Science and Technology Studies interagieren und sich dort Diskurse abschauen würde. Das wäre auch deshalb wichtig, weil alle in den letzten Jahrzehnten wichtig gewordenen Politikfelder wie Umwelt-, Klima-, Wissenschafts- oder Netzpolitik starke dingliche Komponenten haben. In all diesen Feldern geht es um materiale Voraussetzungen und/oder Konsequenzen von Politik. Es geht nicht mehr (nur) um Fragen von Recht, Verteilung, Angemessenheit oder Macht, sondern auch um Stoffströme, Technologien oder darum, wie bewohnbar die Erde in 50 Jahren noch sein wird.

Gleichzeitig durchdringen die sozialen Handlungsfelder einander immer mehr: Politik wird verwissenschaftlicht, Wissenschaft politisiert, ähnliches passiert zwischen Wirtschaft und Politik, überall scheinen die Grenzen zu verschwimmen, verschwinden am Ende aber doch nicht: Was letztlich zählt ist die Grenzarbeit (im STS-Jargon Boundary Work).

Hybride Objekte, die weder ganz das eine noch das andere sind tauchen überall auf (mehr oder weniger teilstaatlichen Konzerne, überstaatliche Konzerne, globale NGOs, internationalen Panels wie der IPCC). Reinheitsphantasien wie sie von Rechten, Volkswirten oder im Latourschen Sinne Traditionsmodernen, die glauben, dass Moderne sich durch immer klarer werdende Unterscheidbarkeiten von Politik, Wirtschaft, Religion oder Wissenschaft auszeichnet, nach wie vor aufrechterhalten werden, führen da nirgendwohin. All das wäre Stoff für eine spannende politikwissenschaftliche Krisendebatte.

 

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