Transformative Interserendipität oder wie wir eigentlich forschen sollten

Vor sieben Jahren habe ich für die Hans-Böckler-Stftung eine Expertise über Wissenschaftliche Kreativität geschrieben. Es ging darum, welche Rolle Kreativität im Wissenschaftsbetrieb zugeschrieben wird, wie verschiedene Disziplinen (Theologie, Philosophie, Psychologie und Soziologie) Kreativität definieren und wie sie in den sozialen Feldern wie Politik oder Wirtschaft in Hinblick auf ihre Anwendungen und Erwünschtheiten diskutiert wird. Im Herbst dieses Jahres resultierte daraus eine Einladung des Katholischen Universitätszentrums an der Universität Heidelberg, sie wollten im Rahmen eines Symposiums den Stellenwert von Kreativität im Wissenschaftsbetrieb ausloten. Mit der Frage konfrontiert, entweder abzusagen, weil es von mir zum Thema nichts Neues gibt oder einen Weg zu finden, wie ich an die beiseitegelegte Forschungslinie wiederanknüpfen kann, ohne stumpf einen alten Text zu referieren, habe ich mich dafür entschieden, im Vortrag einen zentralen Mechanismus wissenschaftlicher Kreativität zu beleuchten: Mertonsche Serendipität.

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Von predatorischen und nicht so predatorischen Organisationen

Die Aufregung der vergangenen Woche über vermeintliche „Fake Science“, besser adressiert mit dem Terminus „predatory journals“ wirft ein Schlaglicht auf das Verhältnis von Wissenschaft und Organisationen. Dabei fällt auf, dass Wissenschaft zwar organisierter Erkenntnisgewinn, selbst aber keine Organisation ist, dass sie für niemanden direkt adressierbar ist und die Gesellschaft deshalb Organisationen erschaffen hat, mit deren Hilfe Wissenschaft adressierbar wird. Zuvorderst sind da die Universitäten zu nennen, in zweiter Linie die Forschungsorganisationen (Max Planck, Helmholtz, Leibniz etc.) und ihre Institute. Dies Einrichtungen verkörpern für die Gesellschaft Wissenschaft, adressiert werden sie über Ansprache und besonders und zuallererst über Geld, Grund- und Projektmittel.

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Fünf Narrative des Anthropozäns, eine Gedankenskizze

Ein kleines germanistisches DFG-Projekt an der Universität Vechta hat sich Narrative des Anthropozäns vorgenommen (ein kleiner Text zum Projekt steht hier). Dies ist nun seinerseits ein Narrativ, das überraschend gut funktioniert, weil es von verschiedenen Seiten aufzeigt, was das Sprechen von einem menschengemachten/beeinflussten Erdzeitalter sichtbar machen kann. Die fünf Narrative sind das von der Katastrophe/Apokalypse, das Gerichtsnarrativ, das polanyische von der Großen Transformation, das biotechnologische und das Interdependenznarrativ. In diesen Narrativen – so argumentiert Gabriele Dürbeck die PI des Projektes – gibt es immer einen Plot der, Opfer, Schurken, Problemlöser verknüpf und eine Moral, die sagt, was richtig und was falsch ist. Grob lassen sich die fünf Narrative nach zwei im weiten Sinne religiös motivierten an Glaubenssystemen orientierten, zwei auf unterschiedliche Weise lösungsorientierten Narrativen und einem netzwerkorientierten unterscheiden. Für das fünfte Narrativ fehlen bislang politisch und gesellschaftlich relevante Trägergruppen, trotzdem hat es seine analytische Berechtigung.

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Departments statt Lehrstühle. Nachklapp zu einem Berliner Symposium der Jungen Akademie

Vor drei Tagen hat die Junge Akademie zur Diskussion über ihren Vorschlag, Probleme der Universität mit einer Departmentstruktur zu lösen, geladen (ein Bericht zum Symposium steht hier). Grundlage der Veranstaltung war ein im Herbst vergangenen Jahres erschienener Debattenbeitrag der AG-Wissenschaftspolitik der Jungen Akademie. Vor zwei Jahren habe ich mich selbst hier auch schon mit dem Thema beschäftigt.

Der Vorschlag der Arbeitsgruppe setzt an der Personalstruktur an: Haushaltsstellen für Wissenschaftliche MitarbeiterInnen sollen kostenneutral in Professuren umgewandelt werden, die dann nicht mehr im Zentrum von Lehrstühlen sind, sondern die Regelbeschäftigungsposition der Wissenschaft bilden würden. Anders als in der nach dem Lehrstuhlprinzip organisierten Universität sollen nichtwissenschaftliche Ressourcen nicht mehr den Fachgebieten/Lehrstühlen, sondern den Departments zugerechnet werden, Sekretariate z. B. gehörten dann nicht mehr den Fachgebieten an, sondern sie wären im Rahmen eines Pools des Departments organisiert, auch Haushaltsmittel wären auf Ebene der Departments gepoolt.

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Zum Elend der akademischen Personalstrukturdebatte, sowie Vorschläge, wie es weitergehen kann

Vor einigen Tagen (am 21.03.) ist in der FAZ ein vielwahrgenommener Artikel zum akademischen Befristungswesen erschienen.* Seine AutorInnen, es sind sieben, nehmen die Absichtserklärung der neuangetretenen Bundesregierung, etwas gegen Befristungen von Arbeitsverträgen unternehmen zu wollen, zum Anlass dasselbe auch für den Wissenschaftsbereich einzufordern. Sie tun das nicht ohne moralischen Unterton; sie stellen dabei fest, dass Befristung zunehmend nicht mehr aus wissenschaftlichen Feldlogiken, sondern immer mehr aus Organisationslogiken erfolgt. Mit anderen Worten Hochschulen und Forschungseinrichtungen befristen nicht so sehr, weil sie es müssen, sondern immer mehr, weil sie es können. Wer als Hochschuladministrator oder Verwaltungschef oder Direktor eines Max-Planck-Instituts nicht ausgiebig in die arbeitsrechtliche Grabbelkiste greift, macht sich unter seinen Peers zum Problemfall. Täte man das, gälte man schnell als dumm oder sozialromantisch, kein Fakultätsverwaltungsleiter kann sich das erlauben, so gesehen zu werden.

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Macrons Europauniversitätenabsatz, oder, wie der hochschulpolitische Tagesbetrieb eine europäische Zukunftsidee plattquatscht

„Ich schlage die Einrichtung europäischer Universitäten vor, die ein Netzwerk von Universitäten aus mehreren Ländern Europas bilden und die einen Studienverlauf schaffen, in dem jeder Studierende im Ausland studiert und Seminare in mindestens zwei Sprachen belegt. Europäische Universitäten, die auch Orte pädagogischer Neuerung und exzellenter Forschung sind. Wir müssen uns das Ziel stecken, bis 2024 mindestens zwanzig dieser Universitäten zu errichten. Doch schon mit Beginn des nächsten akademischen Jahres müssen wir die ersten Universitäten mit echten europäischen Semestern und europäischen Abschlüssen ausstatten.“

Das ist der berühmte Europauniversitätenabsatz aus Macrons Rede. Trotz seiner irritierenden Mischung aus Unbestimmtheit und sprachlicher Konkretion hat der Absatz in der bundesrepublikanischen Hochschulpolitik Abwehrreflexe ausgelöst.

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Transformative Wissenschaft: Zur Kritik einer kritischen Bestandsaufnahme

Sebastian Strunz und Erik Gawel zwei Institutionenökonomen vom UFZ-Leipzig haben in der zum Jahresende online erschienenen Gaia 1/18 zur Debatte um die transformative Wissenschaft veröffentlicht. Sie wollen eine kritische Bestandsaufnahme vorlegen, die mit Peter Strohschneiders Aufschlag beginnt und mit mehreren Reaktionen von u. a. Armin Grunwald, Uwe Schneidewind und mir fortgeführte wurde, vorlegen. Ihre Kritik der transformativen Wissenschaft hebt zum einen darauf ab, dass deren Vertreter nicht klären würden, ob es bei transformativer Wissenschaft um ein Ergänzen oder ein Ersetzen des bestehenden Wissenschaftssystems gehe, Gavel und Strunz werfen den Vertretern der Transformativen Wissenschaft (TW) in dieser Frage ein Lavieren vor. Den von Uwe Schneidewind und mir in einem Überblicksartikel eingeforderten Umbau des Wissenschaftssystems interpretieren sie als eher als Ersetzen. Ein zweiter Kritikstrang wendet sich der Rolle, die transformative Wissenschaft nach Auffassung ihrer Vertreter in der Gesellschaft spielen soll, zu. In dieser Hinsicht werfen sie den VertreterInnen der TW vor, miteinander unvereinbare Rollen anzustreben.

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Ein paar knappe Einschätzungen zum Vorentscheid bei der Exzellenzstrategie

Ende September hat der gemeinsame Ausschuss von Wissenschaftsrat und DFG einen Vorentscheid zum Fortgang der Exzellenzstrategie getroffen. Von 195 eingereichten Clusterskizzen sind 88 zur Vollantragstellung aufgefordert worden, von den mit Skizzen angetretenen 62 Universitäten sind 22 nicht mehr dabei, drei Länder sind ganz aus der Förderung gefallen: Brandenburg, Sachsen-Anhalt, Mecklenburg-Vorpommern, das Saarland, Rheinland-Pfalz und Bremen sind mit nur jeweils einem Cluster dabei, fünf Länder haben damit keine Aussicht mehr, eine Exzellenzuniversität durchzubringen (Zahlenmaterial und erste Einschätzungen gibt es hier und hier). 88 durchgewunkene Clusterskizzen sind weniger, als viele BeobachterInnen im Vorfeld erwartet hatten, trotzdem, nur 40 bis 45 davon werden am Ende die Clusterförderung bekommen und sich über etwas von den 385 Mill. € freuen können.

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Vom Duellplatz zur Transformationsarena der Grand Challenges. Zur erstaunlichen begriffshistorischen Karriere eines wissenschaftspolitischen Begriffs

David Kaldewey Juniorprofessor am Forum Internationale Wissenschaft der Universität Bonn hat in der Zeitschrift Minerva einen Artikel zum Diskurs Großer gesellschaftlicher Herausforderungen, Grand Challenges vorgelegt. Anders als der Wissenschaftsrat und auch ich in diesem Blog hier fragt er nicht nach forschungspolitischer Bedeutung und Anwendbarkeit des Begriffes Grand Challenges (GC) sowie der Reichweite des Diskurses, sondern nach dem Begriff selbst. Er will wissen, was ein Begriff wie dieser über Veränderungen im wissenschaftspolitischen Feld aussagen mag. Er wählt dabei einen an Kosellecksche Begriffsgeschichte angelehnten Zugang und nimmt den Diskurs GC in den Blick, so wie man auch andere, umstrittene politische Großbegriffe, wie Demokratie, Freiheit, Ideologie etc. in de Blick nehmen würde. Er fragt danach, wie und warum sich ein Begriff, der initial, was seine semantischen Quellen betrifft, gar nicht der wissenschaftlichen Sphäre entstammt, so schnell ausbreiten konnte. Zentrale Motivation, das zu fragen, ist wiederum die Frage, ob der GC-Diskurs transformative Impulse in Bezug auf Selbstverständnis und -beschreibung von WissenschaftlerInnen zu entfalten vermag. Kaldewey kommt dabei zu einer Reihe überraschender und interessanter Einsichten zudem ist der dabei entstandene Text eine Fundgrube spannender Gedankenstränge und erlaubt eine Reihe voranbringender Anschlussgedanken, deshalb verdient es ausführlicher vorgestellt zu werden.

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Was es jetzt zu besprechen gibt. Ein politisch-praktischer Anschluss zur in der Zeit ausgetragenen Nassehi-Lessenich-Kontroverse

Einleitung

Die folgende Thesensammlung ist nach längerer Schreibpause in diesem Blog Nebenergebnis von Schreibbemühungen im Zusammenhang einer Überarbeitung eines hier von einigen Monaten veröffentlichten Blogtextes über linken Populismus als Zeitschriftenaufsatz. Für mich hat sich gezeigt, dass ein Zusammenhang zwischen Linkspopulismus und Nassehischem Sympathieparadox besteht. Diesen Zusammenhang möchte ich hier explorieren. Die Texte, deren Lektüre mich dazu bebracht hat, das aufzuschreiben, stehen hier, hier, und da. Die thesenhafte Form der Aufbereitung ist Folge davon, dass die Denkbemühungen am Anfang stehen. Weiterlesen