Vertane Chance. Schnelle (etwas verärgerte) Bemerkungen zum Bericht der Berliner Arbeitsgruppe Demokratische Hochschule

Bei der in Berlin eingesetzten Arbeitsgruppe Demokratische Hochschule ist, wie zu erwarten war nichts herausgekommen. Der Abschlussbericht fällt allerdings noch belangloser aus, als ich erwartet hatte (ein Link dazu steht hier). Offenbar war es nicht möglich, sich auf einen Konsens, darauf, was helfen würde zu einigen. Das ist im Ergebnis schade und eine vertane Chance, aber Folge davon, dass einerseits da (fast) genau die Leute zusammensaßen, die sich seit zwanzig und mehr Jahren nicht einigen können, was zu tun ist, andererseits alle auf Nummer sicher spielten und niemand bereit war, auch nur einen Millimeter Terrain preiszugeben. Who is to blame? Nicht die Leitung der Arbeitsgruppe und ihre Mitglieder eigentlich auch nicht, am ehesten noch die sie einsetzende Behörde und der sie führende Staatssekretär, weil sie einen ehemaligen Senator als ihren Vertreter entsandte und damit der Haltung Ausdruck verlieh, dass man eigentlich am liebsten gar keine Ergebnisse wolle.

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Ungelesener Unsinn. Wie Lehr-, Forschungs- und Digitalisierungsstrategien von Universitäten trotzdem wirken

Am Mittwoch der vorletzten Woche hat Markus Steinmayr – ein Literaturwissenschaftler von der Universität Duisburg-Essen – für die FAZ Texte gelesen, die sonst niemand liest: Lehrstrategien, Forschungsstrategien mindestens eine Digitalisierungsstrategie das meiste davon von der Universität Duisburg-Essen. Er schließt dabei gedanklich an einen Text Stefan Kühls an, der im Januar in der FAZ zu lesen war.  Diese Strategien sind allesamt Texte, deren Zweck zuvorderst nicht darin besteht gelesen zu werden oder gar Hochschulangehörigen handlungsleitend zur Seite zu stehen, sondern weitgehend ungelesen für Legitimation zu sorgen. Geschrieben wurden sie, um die Hochschule gut aussehen zu lassen, es gehört heute zur institutionellen Erwartung, dass es derartige Strategien gibt. Steinmayr hat als Literaturwissenschaftler, der er ist, diese Text ernst genommen und sie in Hinblick auf ihre Argumentationen und Kernaussagen angeschaut, er hat dabei Unangenehmes, das sonst zumeist unentdeckt bleibt, zutage gefördert.

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Warum alle gut zu tun haben, aber trotzdem alles bleibt, wie es ist. Eine soziologische Skizze zur Produktion hochschulpolitischen Umtriebigkeitsstillstands

Roxana Diana Baltaru eine Organisationssoziologin von der Universität Warwick hat untersucht, was bisher kaum jemand empirisch untersucht hat. Sie hat Rankingdaten ausgewertet unter der Fragestellung, ob der Einsatz von sog. WissenschaftsmanagerInnen (noch neudeutscher Higher Education Professionals) Auswirkungen auf die sich in Rankings niederschlagende Performanz von Universitäten hat. Um es gleich vorweg zu spoilern: Einen wirklichen Effekt findet sie da nicht. Allenfalls eine leichte Erhöhung der Erfolgsquoten war feststellbar, wenn Universitäten viel Personal in dem Bereich, der dafür mitverantwortlich sein könnte, einsetzten, ließ sich feststellen, aber auch nur dann, wenn hier mit einem maßvollen Personaleinsatz operiert wurde. Tat man hier zu viel, half viel schon nicht mehr.

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Transformative Interserendipität oder wie wir eigentlich forschen sollten

Vor sieben Jahren habe ich für die Hans-Böckler-Stftung eine Expertise über Wissenschaftliche Kreativität geschrieben. Es ging darum, welche Rolle Kreativität im Wissenschaftsbetrieb zugeschrieben wird, wie verschiedene Disziplinen (Theologie, Philosophie, Psychologie und Soziologie) Kreativität definieren und wie sie in den sozialen Feldern wie Politik oder Wirtschaft in Hinblick auf ihre Anwendungen und Erwünschtheiten diskutiert wird. Im Herbst dieses Jahres resultierte daraus eine Einladung des Katholischen Universitätszentrums an der Universität Heidelberg, sie wollten im Rahmen eines Symposiums den Stellenwert von Kreativität im Wissenschaftsbetrieb ausloten. Mit der Frage konfrontiert, entweder abzusagen, weil es von mir zum Thema nichts Neues gibt oder einen Weg zu finden, wie ich an die beiseitegelegte Forschungslinie wiederanknüpfen kann, ohne stumpf einen alten Text zu referieren, habe ich mich dafür entschieden, im Vortrag einen zentralen Mechanismus wissenschaftlicher Kreativität zu beleuchten: Mertonsche Serendipität.

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Von predatorischen und nicht so predatorischen Organisationen

Die Aufregung der vergangenen Woche über vermeintliche „Fake Science“, besser adressiert mit dem Terminus „predatory journals“ wirft ein Schlaglicht auf das Verhältnis von Wissenschaft und Organisationen. Dabei fällt auf, dass Wissenschaft zwar organisierter Erkenntnisgewinn, selbst aber keine Organisation ist, dass sie für niemanden direkt adressierbar ist und die Gesellschaft deshalb Organisationen erschaffen hat, mit deren Hilfe Wissenschaft adressierbar wird. Zuvorderst sind da die Universitäten zu nennen, in zweiter Linie die Forschungsorganisationen (Max Planck, Helmholtz, Leibniz etc.) und ihre Institute. Dies Einrichtungen verkörpern für die Gesellschaft Wissenschaft, adressiert werden sie über Ansprache und besonders und zuallererst über Geld, Grund- und Projektmittel.

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Fünf Narrative des Anthropozäns, eine Gedankenskizze

Ein kleines germanistisches DFG-Projekt an der Universität Vechta hat sich Narrative des Anthropozäns vorgenommen (ein kleiner Text zum Projekt steht hier). Dies ist nun seinerseits ein Narrativ, das überraschend gut funktioniert, weil es von verschiedenen Seiten aufzeigt, was das Sprechen von einem menschengemachten/beeinflussten Erdzeitalter sichtbar machen kann. Die fünf Narrative sind das von der Katastrophe/Apokalypse, das Gerichtsnarrativ, das polanyische von der Großen Transformation, das biotechnologische und das Interdependenznarrativ. In diesen Narrativen – so argumentiert Gabriele Dürbeck die PI des Projektes – gibt es immer einen Plot der, Opfer, Schurken, Problemlöser verknüpf und eine Moral, die sagt, was richtig und was falsch ist. Grob lassen sich die fünf Narrative nach zwei im weiten Sinne religiös motivierten an Glaubenssystemen orientierten, zwei auf unterschiedliche Weise lösungsorientierten Narrativen und einem netzwerkorientierten unterscheiden. Für das fünfte Narrativ fehlen bislang politisch und gesellschaftlich relevante Trägergruppen, trotzdem hat es seine analytische Berechtigung.

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Departments statt Lehrstühle. Nachklapp zu einem Berliner Symposium der Jungen Akademie

Vor drei Tagen hat die Junge Akademie zur Diskussion über ihren Vorschlag, Probleme der Universität mit einer Departmentstruktur zu lösen, geladen (ein Bericht zum Symposium steht hier). Grundlage der Veranstaltung war ein im Herbst vergangenen Jahres erschienener Debattenbeitrag der AG-Wissenschaftspolitik der Jungen Akademie. Vor zwei Jahren habe ich mich selbst hier auch schon mit dem Thema beschäftigt.

Der Vorschlag der Arbeitsgruppe setzt an der Personalstruktur an: Haushaltsstellen für Wissenschaftliche MitarbeiterInnen sollen kostenneutral in Professuren umgewandelt werden, die dann nicht mehr im Zentrum von Lehrstühlen sind, sondern die Regelbeschäftigungsposition der Wissenschaft bilden würden. Anders als in der nach dem Lehrstuhlprinzip organisierten Universität sollen nichtwissenschaftliche Ressourcen nicht mehr den Fachgebieten/Lehrstühlen, sondern den Departments zugerechnet werden, Sekretariate z. B. gehörten dann nicht mehr den Fachgebieten an, sondern sie wären im Rahmen eines Pools des Departments organisiert, auch Haushaltsmittel wären auf Ebene der Departments gepoolt.

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Zum Elend der akademischen Personalstrukturdebatte, sowie Vorschläge, wie es weitergehen kann

Vor einigen Tagen (am 21.03.) ist in der FAZ ein vielwahrgenommener Artikel zum akademischen Befristungswesen erschienen.* Seine AutorInnen, es sind sieben, nehmen die Absichtserklärung der neuangetretenen Bundesregierung, etwas gegen Befristungen von Arbeitsverträgen unternehmen zu wollen, zum Anlass dasselbe auch für den Wissenschaftsbereich einzufordern. Sie tun das nicht ohne moralischen Unterton; sie stellen dabei fest, dass Befristung zunehmend nicht mehr aus wissenschaftlichen Feldlogiken, sondern immer mehr aus Organisationslogiken erfolgt. Mit anderen Worten Hochschulen und Forschungseinrichtungen befristen nicht so sehr, weil sie es müssen, sondern immer mehr, weil sie es können. Wer als Hochschuladministrator oder Verwaltungschef oder Direktor eines Max-Planck-Instituts nicht ausgiebig in die arbeitsrechtliche Grabbelkiste greift, macht sich unter seinen Peers zum Problemfall. Täte man das, gälte man schnell als dumm oder sozialromantisch, kein Fakultätsverwaltungsleiter kann sich das erlauben, so gesehen zu werden.

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Macrons Europauniversitätenabsatz, oder, wie der hochschulpolitische Tagesbetrieb eine europäische Zukunftsidee plattquatscht

„Ich schlage die Einrichtung europäischer Universitäten vor, die ein Netzwerk von Universitäten aus mehreren Ländern Europas bilden und die einen Studienverlauf schaffen, in dem jeder Studierende im Ausland studiert und Seminare in mindestens zwei Sprachen belegt. Europäische Universitäten, die auch Orte pädagogischer Neuerung und exzellenter Forschung sind. Wir müssen uns das Ziel stecken, bis 2024 mindestens zwanzig dieser Universitäten zu errichten. Doch schon mit Beginn des nächsten akademischen Jahres müssen wir die ersten Universitäten mit echten europäischen Semestern und europäischen Abschlüssen ausstatten.“

Das ist der berühmte Europauniversitätenabsatz aus Macrons Rede. Trotz seiner irritierenden Mischung aus Unbestimmtheit und sprachlicher Konkretion hat der Absatz in der bundesrepublikanischen Hochschulpolitik Abwehrreflexe ausgelöst.

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Transformative Wissenschaft: Zur Kritik einer kritischen Bestandsaufnahme

Sebastian Strunz und Erik Gawel zwei Institutionenökonomen vom UFZ-Leipzig haben in der zum Jahresende online erschienenen Gaia 1/18 zur Debatte um die transformative Wissenschaft veröffentlicht. Sie wollen eine kritische Bestandsaufnahme vorlegen, die mit Peter Strohschneiders Aufschlag beginnt und mit mehreren Reaktionen von u. a. Armin Grunwald, Uwe Schneidewind und mir fortgeführte wurde, vorlegen. Ihre Kritik der transformativen Wissenschaft hebt zum einen darauf ab, dass deren Vertreter nicht klären würden, ob es bei transformativer Wissenschaft um ein Ergänzen oder ein Ersetzen des bestehenden Wissenschaftssystems gehe, Gavel und Strunz werfen den Vertretern der Transformativen Wissenschaft (TW) in dieser Frage ein Lavieren vor. Den von Uwe Schneidewind und mir in einem Überblicksartikel eingeforderten Umbau des Wissenschaftssystems interpretieren sie als eher als Ersetzen. Ein zweiter Kritikstrang wendet sich der Rolle, die transformative Wissenschaft nach Auffassung ihrer Vertreter in der Gesellschaft spielen soll, zu. In dieser Hinsicht werfen sie den VertreterInnen der TW vor, miteinander unvereinbare Rollen anzustreben.

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