Zum Elend der akademischen Personalstrukturdebatte, sowie Vorschläge, wie es weitergehen kann

Vor einigen Tagen (am 21.03.) ist in der FAZ ein vielwahrgenommener Artikel zum akademischen Befristungswesen erschienen.* Seine AutorInnen, es sind sieben, nehmen die Absichtserklärung der neuangetretenen Bundesregierung, etwas gegen Befristungen von Arbeitsverträgen unternehmen zu wollen, zum Anlass dasselbe auch für den Wissenschaftsbereich einzufordern. Sie tun das nicht ohne moralischen Unterton; sie stellen dabei fest, dass Befristung zunehmend nicht mehr aus wissenschaftlichen Feldlogiken, sondern immer mehr aus Organisationslogiken erfolgt. Mit anderen Worten Hochschulen und Forschungseinrichtungen befristen nicht so sehr, weil sie es müssen, sondern immer mehr, weil sie es können. Wer als Hochschuladministrator oder Verwaltungschef oder Direktor eines Max-Planck-Instituts nicht ausgiebig in die arbeitsrechtliche Grabbelkiste greift, macht sich unter seinen Peers zum Problemfall. Täte man das, gälte man schnell als dumm oder sozialromantisch, kein Fakultätsverwaltungsleiter kann sich das erlauben, so gesehen zu werden.

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Macrons Europauniversitätenabsatz, oder, wie der hochschulpolitische Tagesbetrieb eine europäische Zukunftsidee plattquatscht

„Ich schlage die Einrichtung europäischer Universitäten vor, die ein Netzwerk von Universitäten aus mehreren Ländern Europas bilden und die einen Studienverlauf schaffen, in dem jeder Studierende im Ausland studiert und Seminare in mindestens zwei Sprachen belegt. Europäische Universitäten, die auch Orte pädagogischer Neuerung und exzellenter Forschung sind. Wir müssen uns das Ziel stecken, bis 2024 mindestens zwanzig dieser Universitäten zu errichten. Doch schon mit Beginn des nächsten akademischen Jahres müssen wir die ersten Universitäten mit echten europäischen Semestern und europäischen Abschlüssen ausstatten.“

Das ist der berühmte Europauniversitätenabsatz aus Macrons Rede. Trotz seiner irritierenden Mischung aus Unbestimmtheit und sprachlicher Konkretion hat der Absatz in der bundesrepublikanischen Hochschulpolitik Abwehrreflexe ausgelöst.

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Transformative Wissenschaft: Zur Kritik einer kritischen Bestandsaufnahme

Sebastian Strunz und Erik Gawel zwei Institutionenökonomen vom UFZ-Leipzig haben in der zum Jahresende online erschienenen Gaia 1/18 zur Debatte um die transformative Wissenschaft veröffentlicht. Sie wollen eine kritische Bestandsaufnahme vorlegen, die mit Peter Strohschneiders Aufschlag beginnt und mit mehreren Reaktionen von u. a. Armin Grunwald, Uwe Schneidewind und mir fortgeführte wurde, vorlegen. Ihre Kritik der transformativen Wissenschaft hebt zum einen darauf ab, dass deren Vertreter nicht klären würden, ob es bei transformativer Wissenschaft um ein Ergänzen oder ein Ersetzen des bestehenden Wissenschaftssystems gehe, Gavel und Strunz werfen den Vertretern der Transformativen Wissenschaft (TW) in dieser Frage ein Lavieren vor. Den von Uwe Schneidewind und mir in einem Überblicksartikel eingeforderten Umbau des Wissenschaftssystems interpretieren sie als eher als Ersetzen. Ein zweiter Kritikstrang wendet sich der Rolle, die transformative Wissenschaft nach Auffassung ihrer Vertreter in der Gesellschaft spielen soll, zu. In dieser Hinsicht werfen sie den VertreterInnen der TW vor, miteinander unvereinbare Rollen anzustreben.

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Ein paar knappe Einschätzungen zum Vorentscheid bei der Exzellenzstrategie

Ende September hat der gemeinsame Ausschuss von Wissenschaftsrat und DFG einen Vorentscheid zum Fortgang der Exzellenzstrategie getroffen. Von 195 eingereichten Clusterskizzen sind 88 zur Vollantragstellung aufgefordert worden, von den mit Skizzen angetretenen 62 Universitäten sind 22 nicht mehr dabei, drei Länder sind ganz aus der Förderung gefallen: Brandenburg, Sachsen-Anhalt, Mecklenburg-Vorpommern, das Saarland, Rheinland-Pfalz und Bremen sind mit nur jeweils einem Cluster dabei, fünf Länder haben damit keine Aussicht mehr, eine Exzellenzuniversität durchzubringen (Zahlenmaterial und erste Einschätzungen gibt es hier und hier). 88 durchgewunkene Clusterskizzen sind weniger, als viele BeobachterInnen im Vorfeld erwartet hatten, trotzdem, nur 40 bis 45 davon werden am Ende die Clusterförderung bekommen und sich über etwas von den 385 Mill. € freuen können.

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Vom Duellplatz zur Transformationsarena der Grand Challenges. Zur erstaunlichen begriffshistorischen Karriere eines wissenschaftspolitischen Begriffs

David Kaldewey Juniorprofessor am Forum Internationale Wissenschaft der Universität Bonn hat in der Zeitschrift Minerva einen Artikel zum Diskurs Großer gesellschaftlicher Herausforderungen, Grand Challenges vorgelegt. Anders als der Wissenschaftsrat und auch ich in diesem Blog hier fragt er nicht nach forschungspolitischer Bedeutung und Anwendbarkeit des Begriffes Grand Challenges (GC) sowie der Reichweite des Diskurses, sondern nach dem Begriff selbst. Er will wissen, was ein Begriff wie dieser über Veränderungen im wissenschaftspolitischen Feld aussagen mag. Er wählt dabei einen an Kosellecksche Begriffsgeschichte angelehnten Zugang und nimmt den Diskurs GC in den Blick, so wie man auch andere, umstrittene politische Großbegriffe, wie Demokratie, Freiheit, Ideologie etc. in de Blick nehmen würde. Er fragt danach, wie und warum sich ein Begriff, der initial, was seine semantischen Quellen betrifft, gar nicht der wissenschaftlichen Sphäre entstammt, so schnell ausbreiten konnte. Zentrale Motivation, das zu fragen, ist wiederum die Frage, ob der GC-Diskurs transformative Impulse in Bezug auf Selbstverständnis und -beschreibung von WissenschaftlerInnen zu entfalten vermag. Kaldewey kommt dabei zu einer Reihe überraschender und interessanter Einsichten zudem ist der dabei entstandene Text eine Fundgrube spannender Gedankenstränge und erlaubt eine Reihe voranbringender Anschlussgedanken, deshalb verdient es ausführlicher vorgestellt zu werden.

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Was es jetzt zu besprechen gibt. Ein politisch-praktischer Anschluss zur in der Zeit ausgetragenen Nassehi-Lessenich-Kontroverse

Einleitung

Die folgende Thesensammlung ist nach längerer Schreibpause in diesem Blog Nebenergebnis von Schreibbemühungen im Zusammenhang einer Überarbeitung eines hier von einigen Monaten veröffentlichten Blogtextes über linken Populismus als Zeitschriftenaufsatz. Für mich hat sich gezeigt, dass ein Zusammenhang zwischen Linkspopulismus und Nassehischem Sympathieparadox besteht. Diesen Zusammenhang möchte ich hier explorieren. Die Texte, deren Lektüre mich dazu bebracht hat, das aufzuschreiben, stehen hier, hier, und da. Die thesenhafte Form der Aufbereitung ist Folge davon, dass die Denkbemühungen am Anfang stehen. Weiterlesen

Von Fakten und ihren Alternativen. Wie man die Schnittstellenkommunikation zwischen Wissenschaften und ihren sozialen Umgebungen weiterentwickeln kann

Wir sind geneigt anzunehmen, dass es bei Politik immer auch, genaugenommen sogar idealerweise, um das Lösen von Problemen geht. Deshalb begrüßen wir es (zumeist), wenn Politik auf wissenschaftliche Hilfsmittel, wissenschaftliches Wissen zurückgreift. Wir tun dies, weil wir davon ausgehen, dass wissenschaftliches Wissen beim Problemlösen hilft, die Leistungs- und Problemverarbeitungsfähigkeit der Politik ausweitet und ihre Rationalität steigert. Zudem lebt es sich in einem politischen System in dem sich mehr Akteure auf wissenschaftliche Geltungsansprüche und weniger auf Machtworte stützen besser. Trotzdem sind Verwissenschaftlichungseffekte in Bezug auf Politik und Wirtschaft keineswegs garantiert. Akteure in Politik und Wirtschaft zeigen immer wieder ein selektives Interesse an Wissen und Wissenschaft und neigen dazu, sich nur dasjenige Wissen zu eigen zu machen, von dem sie denken, dass es ihren Zielen dient (die Modi dieser Selektivität hat schon vor mehr als 20 Jahren die heute fast vergessene politikwissenschaftliche Wissensverwendungsforschung untersucht). Es hat sich ferner gezeigt, dass eine erfolgreiche Anreicherung nichtwissenschaftlicher Handlungsfelder mit wissenschaftlich erzeugtem Wissen aktiv hergestellt werden muss, und dass eine aktive Ablehnung wissenschaftlichen Wissens durch relevante eine ganzes Feld prägende Akteure keineswegs selten ist. Postfaktisches Argumentieren und explizit wissenschaftsaverse Politikformulierung, also absichtsvolles Nichtwissenwollen sind insofern keine Neuerfindung der Trump-Ära. Derlei intellektuelle oder besser antiintellektuelle Muster sind allerdings in einem überraschenden Maße ins Zentrum des Politischen gerückt. In einzelnen Politikfeldern und am Rande des politischen Feldes gab es sie allerdings schon immer. Bei einer Ursachensuche, wie es dazu kommen konnte, bin ich auf Diskussionsstränge gestoßen, in denen der Vorwurf verhandelt wird, Wissenschaft (als ganze) sei irgendwie im schlechten Sinne politisch, nicht neutral, links oder zumindest (in us-amerikanischem Sinne) liberal. Jenseits klimaskeptischer Nischen waren Argumentationen wie diese bis vor kurzem eine eher amerikanische Debatte, schließlich gibt es in den USA in einzelnen Wissensgebiete schon seit längerem eine rechte und eine liberale Parallelstruktur, aber die Auswirkungen solch wissenschaftlich-politischer Lagerbildung haben uns längst erreicht.

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Beauty and the Ballot. Was sich zum Zusammenhang von KandidatInnaussehen und Wahlchancen sagen lässt

In der FAS gibt es im Wirtschaftsteil eine Rubrik, die Sonntagsökonom genannt wird. Schreibanlass für Texte dieser Rubrik sind eigentlich immer von Ökonomen verfasste Papers oder Zeitschriftenaufsätze. Da gibt es manchmal luzide, manchmal überraschende, manchmal überraschend dumme Beobachtungen zu lesen. Was da am 21. Mai zu lesen war gehört zur dritten Kategorie, nicht so sehr wegen der dort zitierten Papers, sondern eher wegen der journalistischen Aufbereitung. Der Autor (Philip Plickert), der sich neben seiner Tätigkeit als FAZ-Wirtschaftsredakteur gerne im rechten Segment des medialen Kosmos betätigt (Tichy’s Einblick, eigentümlich frei) hatte sich Texte vorgenommen, die sich mit dem Zusammenhang von gutem Aussehen und Wahlchancen befassen.

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Warum Linkspopulismus Teil des Problems und nicht Teil der Lösung ist

Etablierte InterpretInnen in Medien, Politik, Kultur und Wissenschaft seien ratlos, wenn es um eine seriöse Analyse des Populismus geht, meint die Redaktion von Forum Wissenschaft der Mitgliederzeitschrift des BdWi im Editorial der ersten Ausgabe dieses Jahres. Alle würden darüber reden, niemand wisse aber wirklich, wie damit umgehen. Das mag für Medien Politik und Kultur stimmen, für die Politikwissenschaft lässt sich diese Behauptung nur unter Schwierigkeiten aufrechterhalten, man muss sich schon auf den Standpunkt stellen, die bisher von AutorInnen wie Karin Priester oder Jan Werner Müller vorgelegten Analysen seien ihrerseits ratlos und unseriös und würden nur wenig Anhaltspunkte dafür entwickeln, wie Strategien im Umgang mit Populismus aussehen könnten. Allerdings ist der größte Teil der politikwissenschaftlichen Perspektiven in Bezug auf Populismus nicht neutral, in dem Sinne, das sie Populismus als eine in Betracht kommende Form des Politischen sehen würden. Insbesondere von Jan Werner Müller dem in den letzten Monaten medial präsentesten über Populismus forschenden Politikwissenschaftler wird Populismus wegen seines Anspruches, alleine das echte Volk zu vertreten als Gefährdung der Demokratie zurückgewiesen. Populismus ist für Müller dadurch gekennzeichnet, dass er immer moralisierend (gutes Volk vs. Böse Eliten) und immer monistisch ist. Gegner des Populismus werden dem populistischen Akteur nach Müller zu einerseits unechtem Volk und deshalb andererseits illegitimen Akteur. Demokratischer Pluralismus lässt sich so nicht machen, Politik im Sinne des Findens bester Lösungen ebensowenig, denn der Populist weiß ja, was das wirkliche Volk will, wer was anderes will, gehört der populistischen Logik zufolge nicht zum Volk, Auseinandersetzung mit Politikinhalten oder Wettstreit von Ideen wird vor dem Hintergrund einer solchen Logik entbehrlich.

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Ein Rechtsdiskurs aus Bremsklötzen. Wie Juristen die Universität falsch verstehen und wissenschaftspolitische Demokratisierungspotentiale blockieren

Welche Verwerfungen heute die Debatte über die Demokratisierung von Hochschulen prägen, zeigt ein vor etwa drei Wochen in der FAZ erschienener Artikel. Klaus Gärditz und Wolfgang Löwer zwei Spezialisten für Öffentliches Recht haben sich zur Wissenschaftsfreiheit geäußert. Schon der Überschrift ist zu entnehmen, wo es hingehen soll: Wer die Wissenschaftsfreiheit verteidigen will, dürfe sich dem “verstaubten Reform-Leitbild der Corporate Governance nicht beugen“ haben die Redaktion, vielleicht auch die Autoren markig getitelt. Gärditz und Löwer freuen sich darüber, dass der baden-württembergische Verfassungsgerichtshof geurteilt hat, dass professorale Mitglieder im Hochschulsenat aus eigener Kraft in der Lage sein müssen, eine Hochschulleitung abzuwählen (zum Urteil steht bei mir etwas hier, eine recht gründliche Onlinediskussion zum Urteil ist hier zu finden). Weiter meinen sie, dass Wissenschaftsfreiheit den Möglichkeiten einer Hochschulleitung Grenzen setzen müsse. Ziel einer „wissenschaftsadäquaten Hochschulorganisation sei nicht der Schutz „der“ Wissenschaft als System“ oder „der Autonomie der Universität“. Beides halten sie im demokratischen Verfassungsstaat, der nur über begrenzte Mittel verfüge, für ohnehin nicht wirklich erreichbar, vielmehr gehe es bei der Wissenschaftsfreiheit ausschließlich um das individuelle Abwehrrecht gegen wissenschaftsinadäquate Einflussnahmen. Freiheitsgefährdungen gingen von Staat und Hochschulorganen aus, meinen sie. Es wäre nicht funktionsgerecht ja sogar naiv, dabei allein auf die Kommunikationsbereitschaft der Hochschulleitung zu setzen.

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