Homöopathie im Anthropozän. Wie man mit wissenschaftlichem Wissen Politik macht und wie besser nicht. Ein Zwischenruf

Parteipolitische Themen habe ich bislang hier nicht angerührt, aus Gründen. Das hat zum einen damit zu tun, dass das hier nicht der Ort ist für parteipolitische Interventionen, zum anderen, weil es zu oft Themen sind, die außerhalb der Grünen Partei nicht von Interesse sind. Bei diesem Thema aber ist das anders, denn es geht dabei auch um das Zusammenarbeiten von Politik und Wissenschaft, genauer um die Frage, wie bringt man wissenschaftliches Wissen in die Politik und was folgt daraus dass die Legitimität wissenschaftlicher Wissens- und Geltungsansprüche so ganz anders zustande kommt als die politischer. Mit anderen Worten, wie fängt man das Problem ein, dass Legitimation in der Wissenschaft auf meritokratischem Wege zustande kommt, in der Politik aber auf demokratischem.

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Was es zur Bayreuther Erklärung der Universitätskanzler*innen zu sagen gibt. Ein Pöbeltext

Die Vereinigung der Kanzlerinnen und Kanzler der Universitäten hat ein Papier vorgelegt, das als Verteidigung des Befristungsbetriebs gedacht ist (ein Überblick zu Inhalten und Reaktionen dazu steht hier bei Jan-Martin Wiarda). Das Papier ist von einer fast schon bedrückenden Schlichtheit. „Gute Arbeit ist entfristete Arbeit“ wie es die GEW fordere sei ein falscher Slogan meinen die KanzlerInnen, denn Universitäten seien „ein Qualifizierungssystem“ (so steht es wörtlich da) Deshalb sei es nötig, wissenschaftliche Stellen zu befristen, damit es auch für nachfolgende Generationen noch welche gebe.

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Strukturelle Sowjetisierung? Überlegungen zum aktuellen Stand der veröffentlichten geisteswissenschaftlichen Hochschulpolitikkritik

Klaus Schlichte ein Professor der Politikwissenschaft aus Bremen hat im März vergangenen Jahres die Formel geprägt, bei der Exzellenzstrategie handele es sich um ein Sowjetisierungsprogramm. Er fühlt sich angesichts der Exzellenzinitiative einerseits an eine Verantwortung aufhebende Apparatsherrschaft sowjetischer Prägung, andererseits, was die durch sie geschaffenen Organisationsformen und Neztwerke betrifft, an nachkoloniale auf Big Men zentrierte Gefolgschaftsnetzwerke Afrikas erinnert. Entscheidungen über die Zuerkennung des Exzellenzstatus fielen in einer Niemandsherrschaft, die Hierarchisierung und Oligarchisierung vorantreibe, meinte er. Schlichtes Forschungsgebiet ist neben politischer Gewalt politische Herrschaft in Afrika, Asien und Lateinamerika.

Auch Stefan Plaggenborg, ein Osteuropahistoriker hat diesen Topos vor einigen Wochen in der FAZ bemüht, er sprach am 3. Juli von eine „strukturellen Sowjetisierung der Geisteswissenschaften“. Der Text war, was Einstieg und Titulierung anbetrifft schrill, zu schrill um beim ersten Lesen Nachdenken auszulösen und erschien deshalb einer dieser Wandsteine zu sein, die Teil der Nichtkontingenzillusion des wissenschaftspolitischen Ist-Standes sind (entsprechen habe ich mich in einer ersten Äußerung auf Twitter dazu geäußert). Aber der Text verdient einen zweiten Blick, weil, schaut man durch die Firnis des Schrillen hindurch, verbergen sich darunter zumindest nachvollziehbare Gedanken.

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Drei Perspektiven zum Elend der akademischen Personalstruktur

Im Mai begann auf der Forschung und Lehre Seite der FAZ eine Artikelserie/Debatte zum Elend des akademischen Befristungswesens. Den Auftakt machte Abrecht Koschorke (ein Literauturwissenschaftler aus Konstanz) es folgten Repliken von Claudia Gatzka von der Humboldt-Universität und Heike Mauer (Wissenschaftliche Mitarbeiterin der Koordinations- und Forschungsstelle des Netzwerks Frauen und Geschlechterforschung Nordrhein Westfalen). Die Debatte gibt schönen Anlass, die Problematik (die hier ja auch schon einmal behandelt worden ist) auszuleuchten und aufzuzeigen, was hilft und was weniger hilft.

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Vertane Chance. Schnelle (etwas verärgerte) Bemerkungen zum Bericht der Berliner Arbeitsgruppe Demokratische Hochschule

Bei der in Berlin eingesetzten Arbeitsgruppe Demokratische Hochschule ist, wie zu erwarten war nichts herausgekommen. Der Abschlussbericht fällt allerdings noch belangloser aus, als ich erwartet hatte (ein Link dazu steht hier). Offenbar war es nicht möglich, sich auf einen Konsens, darauf, was helfen würde zu einigen. Das ist im Ergebnis schade und eine vertane Chance, aber Folge davon, dass einerseits da (fast) genau die Leute zusammensaßen, die sich seit zwanzig und mehr Jahren nicht einigen können, was zu tun ist, andererseits alle auf Nummer sicher spielten und niemand bereit war, auch nur einen Millimeter Terrain preiszugeben. Who is to blame? Nicht die Leitung der Arbeitsgruppe und ihre Mitglieder eigentlich auch nicht, am ehesten noch die sie einsetzende Behörde und der sie führende Staatssekretär, weil sie einen ehemaligen Senator als ihren Vertreter entsandte und damit der Haltung Ausdruck verlieh, dass man eigentlich am liebsten gar keine Ergebnisse wolle.

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Ungelesener Unsinn. Wie Lehr-, Forschungs- und Digitalisierungsstrategien von Universitäten trotzdem wirken

Am Mittwoch der vorletzten Woche hat Markus Steinmayr – ein Literaturwissenschaftler von der Universität Duisburg-Essen – für die FAZ Texte gelesen, die sonst niemand liest: Lehrstrategien, Forschungsstrategien mindestens eine Digitalisierungsstrategie das meiste davon von der Universität Duisburg-Essen. Er schließt dabei gedanklich an einen Text Stefan Kühls an, der im Januar in der FAZ zu lesen war.  Diese Strategien sind allesamt Texte, deren Zweck zuvorderst nicht darin besteht gelesen zu werden oder gar Hochschulangehörigen handlungsleitend zur Seite zu stehen, sondern weitgehend ungelesen für Legitimation zu sorgen. Geschrieben wurden sie, um die Hochschule gut aussehen zu lassen, es gehört heute zur institutionellen Erwartung, dass es derartige Strategien gibt. Steinmayr hat als Literaturwissenschaftler, der er ist, diese Text ernst genommen und sie in Hinblick auf ihre Argumentationen und Kernaussagen angeschaut, er hat dabei Unangenehmes, das sonst zumeist unentdeckt bleibt, zutage gefördert.

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Warum alle gut zu tun haben, aber trotzdem alles bleibt, wie es ist. Eine soziologische Skizze zur Produktion hochschulpolitischen Umtriebigkeitsstillstands

Roxana Diana Baltaru eine Organisationssoziologin von der Universität Warwick hat untersucht, was bisher kaum jemand empirisch untersucht hat. Sie hat Rankingdaten ausgewertet unter der Fragestellung, ob der Einsatz von sog. WissenschaftsmanagerInnen (noch neudeutscher Higher Education Professionals) Auswirkungen auf die sich in Rankings niederschlagende Performanz von Universitäten hat. Um es gleich vorweg zu spoilern: Einen wirklichen Effekt findet sie da nicht. Allenfalls eine leichte Erhöhung der Erfolgsquoten war feststellbar, wenn Universitäten viel Personal in dem Bereich, der dafür mitverantwortlich sein könnte, einsetzten, ließ sich feststellen, aber auch nur dann, wenn hier mit einem maßvollen Personaleinsatz operiert wurde. Tat man hier zu viel, half viel schon nicht mehr.

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Transformative Interserendipität oder wie wir eigentlich forschen sollten

Vor sieben Jahren habe ich für die Hans-Böckler-Stftung eine Expertise über Wissenschaftliche Kreativität geschrieben. Es ging darum, welche Rolle Kreativität im Wissenschaftsbetrieb zugeschrieben wird, wie verschiedene Disziplinen (Theologie, Philosophie, Psychologie und Soziologie) Kreativität definieren und wie sie in den sozialen Feldern wie Politik oder Wirtschaft in Hinblick auf ihre Anwendungen und Erwünschtheiten diskutiert wird. Im Herbst dieses Jahres resultierte daraus eine Einladung des Katholischen Universitätszentrums an der Universität Heidelberg, sie wollten im Rahmen eines Symposiums den Stellenwert von Kreativität im Wissenschaftsbetrieb ausloten. Mit der Frage konfrontiert, entweder abzusagen, weil es von mir zum Thema nichts Neues gibt oder einen Weg zu finden, wie ich an die beiseitegelegte Forschungslinie wiederanknüpfen kann, ohne stumpf einen alten Text zu referieren, habe ich mich dafür entschieden, im Vortrag einen zentralen Mechanismus wissenschaftlicher Kreativität zu beleuchten: Mertonsche Serendipität.

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Von predatorischen und nicht so predatorischen Organisationen

Die Aufregung der vergangenen Woche über vermeintliche „Fake Science“, besser adressiert mit dem Terminus „predatory journals“ wirft ein Schlaglicht auf das Verhältnis von Wissenschaft und Organisationen. Dabei fällt auf, dass Wissenschaft zwar organisierter Erkenntnisgewinn, selbst aber keine Organisation ist, dass sie für niemanden direkt adressierbar ist und die Gesellschaft deshalb Organisationen erschaffen hat, mit deren Hilfe Wissenschaft adressierbar wird. Zuvorderst sind da die Universitäten zu nennen, in zweiter Linie die Forschungsorganisationen (Max Planck, Helmholtz, Leibniz etc.) und ihre Institute. Dies Einrichtungen verkörpern für die Gesellschaft Wissenschaft, adressiert werden sie über Ansprache und besonders und zuallererst über Geld, Grund- und Projektmittel.

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Fünf Narrative des Anthropozäns, eine Gedankenskizze

Ein kleines germanistisches DFG-Projekt an der Universität Vechta hat sich Narrative des Anthropozäns vorgenommen (ein kleiner Text zum Projekt steht hier). Dies ist nun seinerseits ein Narrativ, das überraschend gut funktioniert, weil es von verschiedenen Seiten aufzeigt, was das Sprechen von einem menschengemachten/beeinflussten Erdzeitalter sichtbar machen kann. Die fünf Narrative sind das von der Katastrophe/Apokalypse, das Gerichtsnarrativ, das polanyische von der Großen Transformation, das biotechnologische und das Interdependenznarrativ. In diesen Narrativen – so argumentiert Gabriele Dürbeck die PI des Projektes – gibt es immer einen Plot der, Opfer, Schurken, Problemlöser verknüpf und eine Moral, die sagt, was richtig und was falsch ist. Grob lassen sich die fünf Narrative nach zwei im weiten Sinne religiös motivierten an Glaubenssystemen orientierten, zwei auf unterschiedliche Weise lösungsorientierten Narrativen und einem netzwerkorientierten unterscheiden. Für das fünfte Narrativ fehlen bislang politisch und gesellschaftlich relevante Trägergruppen, trotzdem hat es seine analytische Berechtigung.

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